Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1908)
- Article
- Die Israeliten in Marokko
- Date
- 1908-08-01
- Page
- Seite 571 - 572 (sequence 2)
- Language
- German
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571 Mitteilungen der Alliance Israelit©; Universelle: Die Israeliten in Marokko. 572 klagen. Der Stadtgouverneur, dem sie 1000 Pesetas gegeben haben, um seinen Schutz zu erlangen, hat ihnen erklärt, dass er machtlos sei, die Wut der Bevölkerung zu meistern, und hat sie aufgefordert, sich nicht auf den Strassen zu zeigen, damit sie nicht misshandelt würden. In der unglücklichen Gemeinde herrscht Panik. Einige Familien sind nach Larache entflohen. Für die Araber im Innern des Landes bedeutet die Ankunft MulayHafids in Fez einen glänzenden Sieg über die Europäer und hat zur unmittelbaren Folge, dass sie sich das Recht beimessen, im Namen des Befreiers des Islam die Israeliten ohne Erbarmen zu unterdrücken. Larache, 24. Juni 1908. In Ergänzung meines Briefes vom 21. melde ich Ihnen einige Einzelheiten, die ich gestern hier einem an einen Notablen gerichteten Briefe über die Ereignisse von Uazzan entnehme: Nach drei Tagen unbeschreiblicher Angst haben unsere Glaubensgenossen in dieser Stadt unter nachstehenden Bedingungen von empörender Grausamkeit von der Versammlung der Ulemas die Zusicherung erhalten, dass ihr Leben geschont werden solle: Sie dürfen auf den Strassen nicht Schuhe tragen und keine weissen Gewänder; alle auf die Strasse gehenden Fenster müssen versperrt werden. Eine Synagoge in der Nachbarschaft des Sherifs wird geschlossen. Die Juden dürfen nicht rauchen und Branntwein weder trinken noch brennen. Der gesamte Vorrat an Tabak und Zigaretten, den man in den Läden der Israeliten fand, wurde konfisziert und verbrannt. Man hat ihnen überdies ihre Häuser genommen und sie gezwungen, ihre Besitztitel den Sherifs auszuhändigen. Die drei verhafteten Notablen mussten für ihre Freilassung 1500 Pesetas za len, eine enorme Summe gegenüber der Armseligkeit der kleinen Gemeinde. Die Stadt aber dürfen die Unglücklichen nicht verlassen, weder um ihren Geschäften nachzugehen, noch um sich der Grausamkeit der Fanatiker zu entziehen. Und gegenwärtig haben sie keine Hoffnung auf Besserung ihres Schicksals. DIE FALASCHA-EXPEDITION Nachdruck mit Quellenangabe gestattet. DER ALLIANCE ISRAELITE UNIVERSELLE. (Siehe Jahrg. VIII, Xo. 2, 4 und 6 von „Ost und West"). Die von der Alliance zu den Falaschas entsandte Expedition ist dieser Tage in Paris wieder eingetroffen. Herr Nahoum, der Leiter der Expedition, wird über seine Reise ausführlichen Bericht erstatten, den wir seinerzeit an dieser Stelle mitteilen werden. Heute schon kann gesagt werden, daß die seitherigen Berichte von Reisenden, nicht zuletzt die des Herrn Dr. Faitlowitsch, hinsichtlich der Zahl der Falaschas und auch in anderer Beziehung wesentliche Korrekturen erfahren. Herr Nahoum schätzt die Zahl der Falaschas nicht auf 100 000 Seelen, sondern auf höchstens etwa 700 Familien, die in zahlreichen, weit voneinander liegenden Dörfern in Gruppen von 6 bis 20 Familien wohnen. Ebenso ist es unrichtig, daß die Falaschas besondere Sehnsucht nach ihren Glaubensgenossen in den Kulturländern empfinden und an ihre Mildtätigkeit appelliert hätten, um aus ihrer kümmerlichen Lage befreit zu werden. In Wirklichkeit leben die Falaschas erfreulicherweise durchaus nicht in mißlichen Verhältnissen, auch ist ihnen an irgend einer Intervention von auswärts nichts gelegen. Wenn früher von einem Notschrei erzählt worden ist, den die Falaschas in einem Brief an den verewigten Großrabbi Zadok Kahn gerichtet haben sollen, so hat man jetzt den deutlichen Eindruck, daß der Alarmruf nicht von den Falaschas herrührt, sondern ihnen suggeriert worden ist. Für das Mass der Umsicht und der Urteilssicherheit des Herrn Dr. Faitlowitsch ist es bezeichnend, daß er von seiner Reise nach Abessinien zwei junge Falaschas nach Europa mitgebracht hat, von deren einem er nicht wußte, daß er verheiratet war, während es ihm von dem zweiten, der gegenwärtig auf dem Rabbinerseminar in Florenz zum Rabbiner ausgebildet wird, unbekannt geblieben war, daß er sich schon längst zum Protestantismus bekehrt hatte. Die Schwestern dieses in der Ausbildung begriffenen protestantischen Rabbiners — Herr Nahoum hat sie selbst gesprochen — sind ebenso wie die Mutter Protestantinnen. — Ob unter den angedeuteten Umständen und in welcher Richtung etwas zugunsten der Falaschas zu unternehmen ist, wird noch zu erwägen sein. So viel aber steht jetzt schon fest, dass von der Gründung eines Lehrerseminars in der Erythrea, wie es dem von Herrn Dr. Faitlowitsch beratenen italienischen Komite vorschwebte, abgesehen werden muss. Die italienischen Beamten — und namentlich Marchese Salvago Raggi, der Gouverneur von Italienisch-Ostafrika — mit denen Herr Nahoum auch deswegen Rücksprache genommen hat, haben sich ganz entschieden gegen ein derartiges Projekt ausgesprochen, das ihnen höchst unpraktisch und zwecklos vorkommt, auch von der dortigen Bevölkerung schwerlich gebilligt werden würde. DER JAHRESBERICHT DER J. C. A. FUER 1907. Nachdruck mit Quellenangabe gestattet. Die J. C. A. hat ihren Jahresbericht für das Jahr 1907, einen stattlichen Band von 345 Seiten, verschickt. Wir entnehmen ihm nachstehende Ansprache, die Herr Präsident Narcisse Leven in der Generalversammlung vom 28. Juni d. J. gehalten hat; „M. H., ehe ich Ihnen einen Überblick über die Arbeiten des abgelaufenen Jahres gebe, habe ich dankbare Huldigung dem Andenken an den vortrefflichen Mitarbeiter zu widmen, den wir soeben verloren haben: Charles L. Hallgarten. Vor wenigen Monaten noch war er unter uns, widmete er uns, trotz geschwächter Gesundheit, einen großen Teil seiner unermüdlichen Tätigkeit. Das war seine Gewohnheit überall, wo es ein gutes Werk zu verrichten galt. In seinem Heimatland und außerhalb fehlt er jetzt einer großen Zahl von Instituten, die er geschaffen und erhalten hat.