Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1908)
- Article
- Eine jüdische Intervention in Marokko vor fünfzig Jahren
- Date
- 1908-08-01
- Page
- Seite 529 - 530 (sequence 3)
- Language
- German
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529 Dr. Eugen Wölbe: Eine jüdische Intervention in Marokko vor fünfzig Jahren. 530 Ehreneskorte in Marokko ein und nahm in einem kleinen, eigens für ihn eingerichteten Palaste Wohnung. Der maurischen Sitte entsprechend, durfte Montefiore diesen nicht eher verlassen, als bis der Sultan ihn in Audienz empfangen hatte. Darüber vergingen sechs Tage. Bei einem solchen Empfange sitzt der Sultan hoch zu Eoss. Ist er in heiterer Stimmung, so reitet er einen Schimmel; Verstimmung deutet ein graues, Ungnade ein schwarzes Pferd an. Am Tage der Audienz werden Sir Moses und seine Begleiter in einen geräumigen Hof geführt, wo bereits kaiserliche Truppen in Paradeuniform mit klingendem Spiel zur Begrüssung Lairen. Alle Blicke richten sich auf die schmale Pforte, durch die der Sultan jeden Augenblick eintreten muss. Wird er einen Schimmel reiten? Da öffnet sich das Tor, und siehe da — der Sultan kommt auf schneeweissem Zelter daher geritten! In heiterster Laune sprengt er bis dicht an seine Gäste heran. Die Herren treten drei Schritt vor und verneigen sich ehrerbietig. Der Sultan begrüsst die Fremden, zunächst den englischen Konsul Mr. Eeade, der ihm Sir Moses Montefiore nebst Begleitung sowie die Herren des englischen Konsulates vorstellt. Der Herrscher spricht seine Hochachtung vor dem englischen Reiche aus und bemerkt dabei, wie angenehm ihn stets der Anblick einer englischen Uniform berühre. Auch Montefiore, an den er sich jetzt wendet, ist in Uniform (als Sheriff), den türkischen Medschidje-Orden auf der Brust, erschienen. Der Sultan begrüsst ihn: „Sie sind mir kein Fremder. Ihre Reisen zum Wrohle Ihres Volkes nach den verschiedensten Weltteilen hin sind mir nicht unbekannt. Ich weiss, dass Ihre Wohltätigkeit und Menschenliebe sich nicht auf Ihre eigene Glaubensgemeinschaft beschränkt, sondern allen Leidenden und Hilfsbedürftigen zu Gute kommt. Wras kann ich für Sie tun?" Sir Moses Montefiore erwidert: „Mögen Eure Majestät geruhen, bestimmte Befehle zu erteilen, dass die Juden und Christen, die in allen Teilen Ihres Reiches wohnen, geschützt werden; dass niemand sie in irgend einer Sache kränke, die ihre Sicherheit und Ruhe betrifft, und dass sie sich derselben Vorrechte wie alle übrigen Untertanen Eurer Majestät zu erfreuen haben. Solche Rechte wurden auf meine Veranlassung von Seiner Majestät dem verstorbenen Sultan der Türkei, Abdul Medschid, durch seinen Firman vom 9. November 1840 verliehen und im Mai vorigen Jahres von Seiner Majestät dem regierenden Sultan Abdul Aziz bestätigt". Darauf überreichte Sir Moses dem Sultan eine die Wünsche der marokkanischen Juden enthaltende Denkschrift, die den Sultan kurz darauf zur Erteilung des folgenden Firmans veranlasste: „Im Namen Gottes, des Barmherzigen und Gnädigen! Es gibt keine Macht als in Gott, dem Hohen und Mächtigen. Durch dies Unser Kaiserliches Edikt sei bekannt gemacht — möge Gott seinen Inhalt segnen und erhören! — dass es Unser Befehl ist, es mögen alle Juden, die in Unserem Reiche wohnen, — es sei der Stand, in den der allmächtige Gott sie versetzt hat, welcher er wolle — von Unseren Statthaltern, Beamten und allen anderen Untertanen nach der genau abgewogenen Wagschale der Gerechtigkeit behandelt werden. Sie sollen vor Gericht genau so wie jeder andere Untertan behandelt werden, damit nicht das geringste Unrecht irgend einen von ihnen treffe noch irgend eine bedrückende Massregel auf ihnen laste. Weder Behörden noch Einzelpersonen dürfen fortan ihrer Person oder ihrem Eigentume Schaden zufügen. In Unseren Augen haben alle Menschen den gleichen Anspruch auf Gerechtigkeit. Wenn daher jemand einen Juden kränkt oder verletzt, so werden Wir dies nachdrücklich ahnden." Es wäre ein Irrtum, anzunehmen, dass durch diesen Firman die Juden Marokkos der übrigen Bevölkerung rechtlich gleichgestellt worden wären. Aber auf lange Zeit hinaus hatte sich die marokkanische Regierung vor Rechtsverletzungen und Willkürakten den Juden gegenüber in Acht genommen. Dass sich die Juden in Marokko nunmehr einer leidlichen Sicherheit erfreuten und demgemäss infolge ihres FJeisses und ihrer Massigkeit eine höhere Kulturstufe erklimmen konnten, das war der Erfolg der unter allerlei Mühen und Schwierigkeiten durchgeführten Marokkofahrt des unvergleichlichen Menschenfreundes Sir Moses Montefiore.