Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1908-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1908) · p. Seite 497 - 498

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1908)
Article
Berliner Ausstellungen
Date
1908-08-01
Page
Seite 497 - 498 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2583875-2583967-2583976-2598504--08545-2598603
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

497 Berliner Ausstellungen. 498 Künstler und der Interpreten aufgewandt, aber Hasten und Zwang ist darin, und das Erlebnis fehlt. Auch wo das Erlebnis zur Devise gemacht, wie bei der schon durch die Beschränkung günstiger gestellten Sezession, spielt die Potenz eine größere Rolle als die innere Konzeption. Man ist noch am günstigsten gestellt, wenn man seine Betrachtungen von einem spezifischen, wenn auch nicht eigentlich künstlerischen Gesichtspunkt anstellt. Die Lizenz^ die man sich dabei nach der künstlerischen Seite einräumt, findet in dem eingehenderen Interesse eine Kompensation. Hervorragendes ist nur wenig zu vermerken, wenn man die Ausstellungen daraufhin betrachtet, was sie an Werken jüdischer Künstler und jüdischer Motive Neues bieten. In der Grossen Kunstausstellung findet man Porträts von Juden in der dekorativ bürgerlichen Art, in der Pose, Glätte und Wahrheit verschiedentlich sich vereinen. Das Jüdische kommt darin ebenso wenig zu einem charakteristischen Ausdruck wie das Individuelle und allge mein Menschliche. Einen Gegenstand aus dem religiös-jüdischen Familienleben hat Erich Wolfsf el d in seinem Bilde: „Trauernde jüdische Familie" behandelt. Drei Trauernde sitzen auf Schemeln am Boden, und eine alte Frau spricht ihnen von dem Dahingeschiedenen, von Trost und Leid. Über ihnen hängt der verhüllte Spiegel, und über die leere Wand breitet sich roter Schein, der von dem düsteren Dunkel ihrer Gestalten grell absticht. Die Absicht ist zu ambitiös, und die Wirkung äusserlich, für den ersten Eindruck das Interesse spannend, aber nicht beharrend im Effekt. Man sucht die Atmosphäre des Raumes, doch die fehlt, man glaubt, Wehmutsstimmung zu schauen, und sieht prononzierte Dumpfheit; die Schatten sind unorganisch und das Licht ist leblos an die Wand geheftet. Die Schroffheit zeigt Talent, und wie die Teilnahme der Hände betont ist, wie sie mit dem Ausdruck korrespondierend die trübe Stimmung verraten, darin bekundet sich eine gewisse Kraft der Gestaltung. Doch vom Ganzen ist man nicht ergriffen, mit dem besten Willen kann man das Trauern nicht mitfühlen, weil das Modell nicht überwunden und die Absicht nicht hinter der Ausführung zurückgetreten ist. Viel Freude machen die feinen Interieurs von Max Fabian auf der Ausstellung. Wenn auch nicht immer einwandsfrei in der Farbe, sind sie von sinnig reizvoller Stimmung und geben ein anmutendes Bild von Stille, Einsamkeit und Heim. Eine skizzenhafte Frische haben zwei Bilder von Max Stern- Düsseldorf. Es sind Darstellungen bewegter Massen, die von einer suggestiven Kraft angezogen werden. Einmal, auf der „Niederrheinischen Kirmes" sind es die Wunder einer Jahrmarktsbude, zu der sich die staunend interessierte Masse drängt; auch die ,,Kevelaerpilger" wieder werden von einer unsichtbaren Vorstellung durch die Landschaft geleitet. Das Drängen und die Bewegtheit sind mit Geschick wiedergegeben, die Bildeinheit und das Lichtelement befriedigen weniger. In der Sezession steht es auch darin besser. Vornehmlich in den Porträts mit ihrer modernen nervösen Note und dem Widerspiel von Realismus der Erscheinung und malerischer Finesse. Besonders Max LieLermann stellt in den letzten Jahren immer einige solcher Porträts aus. Einst mochte man Liebermann immerhin bewundern, aber nur nicht von ihm gemalt sein. Dann kam man auf den Geschmack, und seitdem das Bild eines hohen Aristokraten höchlich gelobt wurde, wünscht auch die Finanzwelt seine Interpretation im Porträt. Er ist in jeder Hinsicht dazu berufen, diese regen, tatkräftigen, nervösen Intelligenzen mit seinem eindringlich raschen Pinsel festzuhalten, und das Porträt des Berliner Justizrats S. gibt ein glänzendes Beispiel dafür. Es ist eine brüskierende Wahrheit darin, in Malerei und Charakteristik erfrischende Unverfrorenheit. Liebermann hat auch die „Judengasse in Amsterdam" ausgestellt. Dieses armselige, von Not und Enge erfüllte Stadtviertel war ja von je das Entzücken für jedes Malerauge, und wer je dort gewesen, vergißt es nicht wieder. Schon Rembrandt hat es angezogen, und wenn Jozef Israels von dem Freitagsmarkt darin spricht, kommt der alte Mann in helle, schwärmerische Begeisterung. Man sieht dort mühselige Gestalten, die unter schweren Lasten und kleinen Sorgen herumirren, aber das malerische Bild und ein geheimer Schimmer macht das Auge trunken von Farbe und Ton, von Leben, Schein und Regsamkeit. Liebermann hat's nach seiner Weise als Maler gesehen. In geistreicher Raumgebung ist das Getriebe geeint und gelöst, lebhafte Akzente treten hervor, und e i n Ton nimmt sie wieder alle in sich auf. Darin bewegt sich vielgestaltiges, nimmermüdes Leben, man sieht nicht, was vorgeht, noch Zweck und Sinn des Treibens, nur Markttreiben ist darin mit der undefinierbaren Flüchtigkeit der Erscheinung und des Gebarens. Von Jozef Israels ist ein Bild ausgestellt, das in der Malerei zu den schwächeren Arbeiten des greisen Künstlers gehört, in der Stimmung aber voll ist von jener trostreichen, unendlichen Wehmut, die aus des Meisters Seele so begnadet in seine Lebensbilder fliesst. „Armes Leben" geht durch die dämmernde Landschaft seinen Weg, Wolken umfangen die Lande, und fern birgt sich ein Menschenheim; wundervoll leis geht der Atem der einsamen Welt, schlummermüd und leidensmatt schweigt es ringsum, und im Allerheimlichsten raunt etwras: warte nur, balde. Eine ernste Abendlandschaft von Benno Becker zeigt die etwas schwerfällige Gediegenheit dieses Künstlers, eine heitere Stimmung aus Kensington Garden von Joseph Oppenheimer ist mit einer Flottheit wiedergegeben, dass es eine Freude ist. Eugen Spiro erweist seine begabte Hand in zwei Bildern guter Qualität, Julie W o 1 fthorn müht sich in einem Porträt der Frau Richard Dehmels vergebens nach Originalität. Ein gesuchter Archaismus zerstört die dekorativen Qualitäten, macht die Erscheinung raumlos und flächenhaft und endet mehr in toten Bildflächen, die einen die gut stilisierte Melancholie fast vergessen lassen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.