Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1908-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1908) · p. None

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1908)
Date
1908-08-01
Page
None (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2583875-2583967-2583976--08532-2598596
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

ÖST^feSTT ILLUSTRIERTE MONATSSCHRIFT v FÜR DAS GESAMTE JUDENTUM. Herausgegeben und redigiert von LEO WINZ. Alle Rechte vorbehalten. Heft 8/9. August/September 1908. VIII. Jahrg. (Langeweile. — Tuclela. I. TAGEBUCH - BLAETTER. Marieka die Namenlose. — Die Flammenrolle. — Theodor Herzig Von Dr. A. Coralnik. Langeweile. Vor ein paar Jahren erzählte man mir folgende Geschichte: Als man in Petersburg in einem Schauspielerkreise das neue Stück eines jüdischen Autors vorgelesen hatte, sprang ein besonders temperamentvoller russischer Schauspieler auf und rief mit verzweifelter Stimme aus: „Wie gut ist es, ein Jude zu sein! Bei den Juden lebt man wenigstens, es ist nicht so langweilig." Ich hatte das Stück gekannt — und habe mich gewundert. Alles was man will war drin — nur kein Leben, das einen Mchtjuden neidisch machen konnte. Und ich habe mir gedacht: die Juden haben eigentlich ein merkwürdiges Geschick — immer verkannt zu sein. Wo wir gähnen und uns so unbehaglich — ungemütlich fühlen vor Langeweile, da findet ein Fremder, ein Aussenstehender Leben und Bewegung. Was uns grau in grau erscheint — ist für andere bunt und farbig. Wir gelten für interessanter als wir in der Wirklichkeit sind. Kultur hat wie jede andere Erscheinung der Welt zwei Seiten, eine „noumenale" und eine „phänomenale'4, nach der Richtung des Ansiehseins und der Erscheinung. Herbert Spencer hat einmal das Bild gebraucht vom Schild mit den verschieden gefärbten Flächen. Jeder sieht den Schild in einer anderen Färbung, rot oder schwarz, je nachdem ob er nur die eine oder nur die andere Seite sieht. Unser jüdisches Leben sieht sich auch ganz anders an, lebhafter, interessanter, beweglicher, wenn man es von aussen betrachtet. Da ist es rot von Blut und von Zorn, buntschillernd in allen Farben des pulsierenden Lebens. Aber wir, die wir mitten drin stehen, sehen nur ein beliernes Grau, ein schweres, dumpfes Einerlei. Nachdruck verboten. Es genügt für mich, ein einziges Mal in eine jüdische Versammlung, in eine jüdische Lesehalle zu gehen, um aus allen Träumen, die ich allmählich durch die Distanz zum Judentum gewonnen habe, geweckt zu werden. Von der Entfernung sehen sich die Dinge ganz anders an. Da erscheinen nur die grossen Umrisse, da scheinen uns unsere Wünsche, Forderungen und Hoffnungen gleichsam objektiviert. Kommen wir aber mit der Wirklichkeit in Berührung, da gähnt uns die gewaltige Oede entgegen und verschlingt alle unsere schönsten Stimmungen. Und es umklammert uns mit eisernen Fingern die niederdrückende Langeweile. Wir müssen uns gestehen: das jüdische Leben von heute ist langweilig und uninteressant, inhaltslos, ohne grosse Hoffnungen, ohne Träume. Ein Leben kraft der Trägheit, der biologischen Gesetzmässigkeit, ohne Initiative, ohne inneren Reichtum. Und gerade diese dumpfe Inhaltslosigkeit gebiert eine gewaltige, drängende Sehnsucht nach neuen Horizonten, nach Kampf, nach fieberhaftem Leben. Oder ist es die Sammlung der Kräfte — ist es die Stille vor dem Sturm? ,,Non sentir, non voler" — nicht fühlen und nicht wollen — das ist das Schicksal der Versteinerten. Können wir sagen, dass wir den inneren Lebenspuls fühlen, dass wir etwas grosses wollen? II. Tudela. Eines von den Büchern, die ich mir wünschen würde, wäre ein neuer „Benjamin Tudela", eine jüdische Reisebeschreibung. Nicht etwa von entlegenen Weltteilen, nicht von exotischen, unzugänglichen Ländern,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.