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Ost und West · 1908-07-01 · Heft 7 (Juli 1908) · p. Seite 465 - 466

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Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 7 (Juli 1908)
Article
Ein englisch-jüdischer Stipendiat
Date
1908-07-01
Page
Seite 465 - 466 (sequence 1)
Language
German
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465 4G6 EIN ENGLISCH-JUEI Im englischen Schüler- und Studentenleben spielen die Preise und Stipendien eine weit grössere Rolle als bei uns. Der Ehrgeiz der jungen Leute wird durch fortgesetzte Bewerbungen und Prüfungen wach erhalten, und der erfolgreiche junge Mann wird reich belohnt. Eines der vornehmsten und reichsten Stipendien ist in diesen Tagen von der Universität Cambridge einem jungen russischen Juden Selig Brodetsky vom Trinity-College für eine mathematische Arbeit zuteil geworden. Der Erfolg des jungen Brodetsky ist ein bemerkenswertes Beispiel für die Möglichkeiten, die sich dem ärmsten englischen Volksschüler eröffnen. Der Vater des Brodetsky ist ohne Pfennig aus Russland nach England gekommen. Selig Brodetsky ist in Olviopol, Gouvernement Cherson, uaweit Odessa, geboren. Der Vater wanderte aus, weil ihm das wirtschaftliche Fortkommen unmöglich gemacht worden war. Das ist jetzt 16 Jahre her. Im Jahre 1893 liess Brodetsky Vater, seine Frau und die Kinder nachkommen. Jetzt hat er neun Kinder, von denen das jüngste zwei Jahre alt ist. Der Vater glaubt, dass der Sohn die mathematische Begabung von ihm geerbt habe, da er selbst als Knabe der „Sinner", der „Philosoph" genannt wurde. Der alte Brodetsky äusserte jüngst zu einem Freunde: „Wenn zu jener Zeit das Fremdengesetz in Geltung gewesen wäre, als ich ins Land kam, so hätte man mich hier nicht zugelassen, denn ich hatte einen ordnungsmässigen Pass, ich war kein Flüchtling in gerichtlichem Sinne und besass nicht die jetzt erforderlichen 5 Pfund Sterling. Nun, ich bin glücklicherweise hier, bin naturalisiert worden und habe meine Familie ernährt. Ich hausiere mit Schnittwaren. Wollte ich mich einen Geschäftsreisenden nennen, so hätte ich eine für meinen Beruf zu vornehme Bezeichnung gewählt. ISCHER STIPENDIAT. Nachdruck verboten Ich verkaufe Stoffreste in der ganzen Nächbarschaft. Ich pflegte anfänglich längere Kredite zu geben. Aber mein Sinn für angewandte Mathematik belehrte mich bald, dass ich mit diesem Geschäftsprinzip entweder meine Kunden zu sehr belasten oder mich mit zu geringem Verdienst begnügen musste. Seitdem verkaufe ich nur gegen bar. Die Muttersprache meines Sohnes Selig war Jiddisch. Er hat aber das Englische schnell aufgenommen, als er 1895 in die jüdische Freischule kam, wo er bis 1900 blieb. Er hat ein Stipendium nach dem anderen gewonnen, und bei dieser Gewohnheit ist er geblieben, nachdem er in das Trinity College in Cambridge eingetreten war. Fleissig ist er allezeit gewesen. Das Spiel hatte er um seiner Bücher willen beinahe zu sehr vernachlässigt, und seine Freunde sind oft der Meinung gewesen, dass er sich in Arbeit übernehme. Eine Krankheit aber hat er nie durchgemacht. Ich kann nicht sagen, dass der Erfolg meines Sohnes mich sehr überrascht hätte, denn Erfolg hat er immer gehabt. Aber es ist mir ein Bedürfnis zu sagen, dass meine Frau und ich und meine ganze Familie von grosser und tiefster Dankbarkeit erfüllt sind für dieses freisinnige Land, das mir eine solche Erziehung meines Sohnes ermöglicht hat. In Kussland, seinem Geburtsland, wäre das nicht möglich gewesen". Der alte Herr Brodetsky kennt, wie es scheint, nur Kussland und England. Deutschland kennt er nicht. Sonst würde er schwerlich Russland allein hervorgehoben haben als das Land, in dem die freisinnigen Erziehungsgrundsätze nicht gelten. Der junge Brodetsky darf sicher sein, in wenigen Jahren eine Professur in Cambridge zu erlangen. Ob es ihm wohl unter den gleichen Umständen in Deutschland auch gelungen wäre? — Selbstverständlich! Ganz selbstverständlich!

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