Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1908)
- Article
- Die Gaffer
- Date
- 1908-07-01
- Page
- Seite 449 - 450 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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449 David Pinski: Die Gaffer. 450 „Ein verhungertes Tier, natürlich! Dieser Jammer! Nun ja, mit Schlägen ist hier nichts zu wollen! Soll man ihm erst nur was zum Fressen geben! Da sollt ihr schon sehen, wie es gehen wird!u Das Pferd würdigt den Hafer auch nicht eines Blickes. Der Kutscher drückt dem Pferde den Kopf in den Hafer. Es berührt ihn aber nicht. „Es krepiert!" beschliesst der Kreis der Gaffer. Man hat aufgehört zu zerren, schlagen, stossen. Der junge Mann mit dem Hut wischt sich den Schweiss von der Stirn. Der kleine Junge mit dem Stock ist mit offnem Munde stehen geblieben, den Stock hoch erhoben. Alle verfolgen aufmerksam die Agonie. Der Kutscher umarmt den Kopf des Pferdes. Er hätte ihn streicheln mögen, bitten, weinen vor ihm-- mit aller Kraft versetzt er ihm einen Fusstritt in den Kopf: „So krepier' denn!" Dies ist ein schrecklicher Jammerschrei gewesen. Und nun möchte er schlagen, um nur schneller ein Ende zu machen. „Ein Mörder, ein wahrer Mörder I" murren die Gaffer im Kreise. Er möchte sich auf alle Leute stürzen, sie schlagen, mit den Füssen stossen . . . schlagen und stossen. Er wirft wütende Blicke auf die Gaffer, dann beginnt er sich hastig hinter dem Ohre zu kratzen und blickt auf das krepierende Pferd. Ein Schutzmann bahnt sich einen Weg und befiehlt streng, man solle das Aas wegschaffen. Der kleine Junge mit dem Stock läuft davon, um einen langen Wagen zu holen. Und der Kutscher beginnt seine traurige Geschichte. Hat nicht einen Groschen bei Leib und Seele. Womit wird er nur die Fuhre bezahlen, die nun gebracht wird. Den ganzen Tag hat er zu Hause sitzen müssen — ein Rad war zu reparieren — die Gaffer werfen einen Blick auf die Kader — und nun, da er schon glücklich ausgefahren ist, nun muss das Pferd fallen. Der junge Mann mit dem Hute zieht den Geldbeutel; während er die Schösse zurückschiebt, hüstelt er . . . gleich darauf bewegen sich noch einige Schösse. Aus dem Kreise löst sich ein Zylinderhut und entfernt sich langsamen Schrittes. Ein gezwungenes Lächeln umspielt sein Gesicht. Ihm folgt bald ein zweiter Zylinderhut, ebenso langsamen Schrittes; hinten balanciert in beiden Händen, der Spazierstock, unter dem Gesumme einer Melodie. Gleich darauf treten noch einige lange Röcke heraus und gehen eilig weg, stirnrunzelnd — stark beschäftigte Menschen. Der junge Mann drückt dem Kutscher eine Münze in die Hand, lässt seinen Blick über die Umstehenden gleiten und richtet ihn nach der Seite, wroher man den Wagen erwartet, und dann auf das krepierende Tier. Xoch etliche Hände vergraben sich in die Hand des Kutschers. » Dieser nimmt die Spenden an, gleichgültig, ohne Dank, als habe er es gar nicht gemerkt, dass man ihm etwas in die Hand drückt. Er blickt nach der Richtung, woher der Wagen kommen soll, blickt auf das krepierende Pferd und erzählt seine traurige Geschichte. Schon vor zwei Monaten sei ihm ein Pferd gefallen. Da habe er nun von einem Wucherer fünfzig Rubel bekommen und sich dieses Pferd da gekauft. Und nun. . . . Er werde sich den Kopf an der Wand zerschmettern müssen. Es bleibe ihm kein anderer Ausweg. . . . Es zeigt sich ein langer Wagen. Darauf steht der kleine Junge und schwenkt mit lustiger und pfiffiger Miene den Stock wie ein Kapellmeister. Der Kutscher erblasst. Er lässt die Hand mit den Spenden sinken — er hält sie noch, als wisse er noch immer nichts von ihrem Vorhandensein — und betrachtet das Pterd. Nach Hause oder zum Schinder? Er beschliesst, es nach Hause zu bringen. Vielleicht wird es noch gesund. „Das zweite Pferd in zwei Monaten zum Schinder, " wendet er sich an die umstehenden Gaffer mit einem bitteren Lächeln.-- Das Pferd hat das Liegen satt bekommen, es ist ihm kalt geworden und nachdem man aufgehört, es zu schlagen und zu stossen, fühlt es Schmerzen. Da hat es beschlossen, aufzustehen und weiterzugehen, r Das Pferd erhebt sich aut die Vorderfüsse. Die Gaffer erschrecken und treten etwas zurück. Das Pferd steht schon auf allen Vieren. Der Kutscher macht vor Verwunderung grosse Augen und steckt schnell, gleichsam mit Unlust, als gäbe er sich von seinem Tun keine Rechenschaft ab, die Spenden in die Tasche und beginnt das Pferd einzuspannen. Mit der Faust versetzt er dem Pferd einen Schlag in die Zähne und mit dem Stiefel einen in den Vorderfuss: „Ah, krepieren sollst du! Ist dir scherzhaft zu Mut?" Die Gaffer stehen da wie vor einem grossem Rätsel. „Was sagt einer dazu!" Man lacht. Der Kutscher fährt eilig davon, aus voller Kraft auf das Pferd lospeitschend. Zu Hause wird er schon mit ihm ein Wörtehen reden, dem Aas! „Na, ich werd1 dirs noch austreiben! Die Pest soll dich holen!" Die Kinder beginnen dem Wagen nachzulaufen y und der kleine Junge schwenkt seinen Stock und schreit aus Leibeskräften: „ho, ho, ho!'1 Die Gaffer beginnen sich zu verziehen, vollauf zufrieden mit dem, was es zu sehen gegeben. „Mir hats indessen fünfzig Kopeken gekostet," sagt der junge Mann mit dem Hut. „Und mir?!" fällt ein anderer junger Mann mit einem Hut ein. Wie viel, das sagt er nicht. Sie haben natürlich alle beide gelogen. . . .