Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1908)
- Date
- 1908-07-01
- Page
- None (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Tfsfwme st. w ILLUSTRIERTE MONATSSCHRIFT FÜR DAS GESAMTE JUDENTUM. Herausgegeben und redigiert LEO WINZ. Alle Rechte vorbehalten. Heft 7. Juli 1908. VIII. Jahrg. DIE JUDEN IN OESTERREICH. Von B. Samuel. Nachdruck verboten. IL*) Ziffernmässig festgestellte Tatsachen gewinnen ihre Bedeutung erst, wenn man sie im Zusammenhang mit der gesamten historischen Entwickelung betrachtet. Hätten die Bearbeiter des vorliegenden Buches „Die Juden in Oesterreich" sich die Mühe genommen, etwa die ersten Jahrgänge des „Haschachar" oder der „Neuzeit" durchzublättern, so wären ihnen die hohen Ziffern der Uebertritte zum Judentum, die am Ende der 60er und in der ersten Hälfte der 70er Jahre in Wien stattfanden, durchaus nicht als gar so „ganz merkwürdig, direkt unwahrscheinlich" vorgekommen. Dagegen wird der aufmerksame Betrachter sich das Datum 1896 merken und davon zu mancherlei Erwägungen veranlasst werden. Seit jenem Jahr ist nämlich Wien der Hauptplatz des neuen Zionismus, Herzischer Facon. Seit dem Sabbataismus ist nie eine Bewegung im Judentum mit soviel Prätensionen und so grossem Geräusch aufgetreten, hat sich keine so nachdrücklich als die alleineligmachende Retterin des Judentums aufgespielt. Max Nordau behauptete rundweg: Das Judentum wird zionistisch werden, oder es wird nicht sein. Und Herzl verkündete: Zuerst, bevor wir nach Palästina gehen und den Judenstaat gründen, müssen war zum Judentum zurückkehren. Und seit 150 Jahren hat keine Bewegung unter den Juden so weite Kreise erfasst, wie dieser Neu-Zionismus. — Nun, was die Rückkehr nach Palästina anbelangt, so liegen ja hierüber noch immer keine genauen Daten vor, aber was die Rückkehr zum Judentum anbetrifft, so hat die Taufbewegung in Wien in den letzten zwölf Jahren nicht nur nicht die geringste Einschränkung erfahren, sondern *) Siehe „Ost und West" Heft 6, Jahrg. VIII. ist in stetiger Zunahme begriffen, ja die jährliche Zuwachsziffer steigt unablässig! Rückkehr zum Judentum! . . . Diese Tatsache erfährt eine noch schärfere Beleuchtung, wenn einzelne Fälle in Betracht gezogen werden. So wenn man erfährt, dass ein Intimus des Propheten, der ihm einen ergreifenden Nachruf gewidmet und sogar ein Gedicht mit dem Refrain „Schema Israel" gemacht hat, seine junge Tochter taufen Hess und sie an einem Sabbat Schuvah in der Votivkirche zum Traualtar begleitete, in derselben Kirche übrigens, wo alle vornehmen jüdischen Hochzeiten stattfinden, wie der Wiener sagt. Oder wenn man es erlebt, dass der Name eines bekannten Wiener Publizisten in derselben Woche, da von ihm in der „Welt" weinerliche Jugenderinnerungen erscheinen, auf der Liste der Apostaten figuriert. Und wenn die nächste Blutsverwandte eines der einflussreichsten Zionisten fährer, dessen Name vom Meister in seinem unsterblichen „Altneuland" verewigt worden, das Judentum verlässt (unter Beifall und Zustimmung der ganzen Familie)! — so wirft das doch wohl ein eigentümliches Licht auf das Wesen dieser Rückkehr zum Judentum, insbesondere auf die Atmosphäre, die diese Koryphäen um sich herum verbreiten. Wie eine blutige Ironie wirkt es, wenn man bedenkt, dass in Wien ein besonderer Verein existiert, der sich zum Ziel gesetzt hat, die Taufbewegung — in Galizien zu bekämpfen. In Galizien kommt ein Tauffall auf ungefähr zehntausend Juden, in Wien schon auf vierhundertzwanzig. In Wien sind also die Taufen ungefähr 25 mal so häutig als in Galizien. Die Taufen in Galizien sind im allgemeinen Zwangstaufen: ein armer Lehrer oder kleiner Beamter wird von den Staatsbehörden solange ausgehungert, bis er sich von der alleinseligmachenden KraU der Kirche überzeugt.