Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1908)
- Article
- Die Israeliten in Marokko [Nachricht]
- Date
- 1908-06-01
- Page
- Seite 409 - 410 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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409 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle. 410 Die Israeliten in Marokko. Wie früher bereits mitgeteilt, haben sich eine Anzahl Israeliten von Mzab nach Casablanca gefluchtet, nachdem ihre Habe von den Arabern geplündert worden war. Ein erster Zug von etwa 50 Personen ist am 24. Februar in Casablanca angekommen. In den folgenden Tagen kamen immer mehr, so dass am 10, März ihre Zahl auf 200 gestiegen war. Alle hatten von dem liebevollen Empfang gehört, der ihnen in Casablanca von der jüdischen Bevölkerung bereitet werden würde, und von der Sicherheit, die dort herrsche. Das von der A. I. U. mit den erforderlichen Mitteln ausgestattete Hilfskomitee beherbergte diese Unglücklichen und lieferte ihnen 14 Tage lang vollen Unterhalt. Allmählich war es möglich, für die arbeitsfähigen Zuwanderer Beschäftigung zu finden. Das Hilfscomite stellte einigen von ihnen Beträge zur Verfügung, die ihnen gestatteten, Waren einzukaufen, um sie in der Stadt oder auf dem Lande zu verschleissen. Die Kräftigeren wurden Auslader und Lastträger. Immerhin war die Vermehrung der Armenbevölkerung von Casablanca im Verein mit dem allgemeinen materiellen Stand der Stadt nicht dazu angetan, normale Verhältnisse zurückzuführen. Der Kleinhandel blieb gelähmt, und Leute, die ehemals in vergleichsweisem Behagen lebten, müssen sich grosse Entbehrungen auferlegen. Es gibt eine besondere Kategorie von Händlern, die, infolge der Augustereignisse vollständig ruiniert, aus Stolz nicht zur öffentlichen Wohltätigkeit ihre Zuflucht nehmen wollen und doch ausser Stande sind, aus eigenen Mitteln ihr Geschäft wieder aufzunehmen. Sie sind noch weit bemitleidenswerter als die wirklich Armen. Gleichwohl scheint die politische Lage sich seit einiger Zeit zu bessern. Infolge der Operationen des Generals d'Amade hat sich fast die ganze Schauja unterworfen. JST ur der Stamm der Mdakras setzt den Widerstand fort, der ihm durch das koupierte Terrain, in dem er wohnt, erleichtert wird. Die zahlreichen israelitischen Flüchtlinge in Casablanca erwarten mit begreiflicher Ungeduld die Wiederherstellung des Friedens. Sie hoffen, dass es ihnen dann möglich sein wird, ihr3 Heimstätten wieder aufzusuchen. * # * Nachruf für Charles L. Hallgarten. Das Central- Comite der A. I. U. widmet in seinem jüngsten Monatsbericht dem verewigten Vizepräsidenten der D. C. G. folgenden Nachruf: Charles L. Hallgarten ist am 19. April in Frankfurt a. M. im Alter von 69 Jahren nach kurzer Krankheit gestorben. Unter allen wohltätigen Menschen, die im Laufe des letzten Halbjahrhunderts ihre Zeit, ihre Arbeit, ihr Herz der Sache unserer Brüder gewidmet haben, nahm Charles L. Hallgarten einen hervorragenden Platz ein. Sich ganz und gar ausgeben, um ein Werk der Menschheits-Gemeinsamkeit zu schaffen, das schien wirklich das Ideal seines Lebens zu sein. Seine fruchtbare Wohltätigkeit kannte keine konfessionellen Grenzen. Zahllosen nichtjüdischen gemeinnützigen Werken der Vaterstadt seiner Wahl schenkte er seine Mitarbeit, die überall so gewürdigt war, dass seine Beisetzung eine grossartige Kundgebung der Trauer bildete, an der Vertreteraller sozialen und Liebes werke der Stadt ohne Unterschied des Standes und des Glaubens teilnahmen. Für seine Stammesbrüder aber hatte er eine ganz besondere Liebe. Mit wahrer Leidenschaft nahm er an den Arbeiten der Alliance Israelite Universelle teil. Im Jahre 1893 war er in das Central-Comite eingetreten, zu dessen tätigsten Mitgliedern er bald wurde. Seine Mitwirkung wurde aufs höchste geschätzt, auf sein Wort lauschte man mit grösster Aufmerksamkeit. Während seiner häufigen Besuche in Paris, wo er den Kuratoriumssitzungen der Jewish Colonisation Association als Mitglied beiwohnte, hielt er sich in steter Fühlung mit den Kollegen vom Central-Comite, studierte mit ihnen die wichtigen Fragen, die unsere Gemeinschaft berühren, gab mannigfache neue Anregungen und schreckte vor keiner persönlichen Mühe zurück, die den Brüdern irgend eine Erleichterung zu bringen versprach. Er vernachlässigte keine Gelegenheit, an den Wohltätigkeitssinn der Israeliten von Frankfurt und Deutschland zu appellieren — und immer hatte er grössten Erfolg. Er nahm auch mit besonderem Gelingen an den Bemühungen teil, die seit einigen Jahren darauf abzielen, in Deutschland die Alliance Israelite Universelle zu neuer Blüte zu bringen. Als die Deutsche Conferenz-Gemeinschaft der A. I. U. geschaffen wurde, war es selbstverständlich, dass er dort einen Ehrenplatz einnahm. Er war der tätige und überall beliebte Vizepräsident der Deutschen Conferenz-Gemeinschaft. * . * * Nekrologe. Am 20. März ist in Paris das Mitglied des Central-Comitees der Alliance Israelite Universelle Herr Eugene Pereire im Alter von 76 Jahren gestorben. Seit 25 Jahren war er Mitglied des Central- Comites, dem er mit seinem ganzen grossen Einfluss zur Seite stand. Eugene Pereire hatte tiefe Anhänglichkeit an das Judentum und war durch eine Herzensgüte ausgezeichnet, die sich oft in rührender Weise offenbarte. — Hartwig Derenbourg, der am 12. April gestorben ist — wir haben seine Gelehrtenbedeutung bereits in dem Maiheft von „Ost und Westu gewürdigt — war Mitglied des Institut de France, Sohn des tief betrauerten JosephDerenbourgund]gleichfalls seit 1883 Mitglied des Central-Comites. Hartwig Derenbourg hatte von seinem Vater die Leidenschaft für orientalische Philologie und eine unerschütterliche Hingabe an das Judentum geerbt. * # * Kondolenzschreiben. Der Präsident des Central- Comites, Herr Narcisse Leven, hat unter dem 20. April nachstehendes Schreiben an Herrn Dr. Fritz Hallgarten, den ältesten Sohn unseres heimgegangenen unvergessliclicn Freundes Charles L. Hallgarten, gerichtet: „Paris, 20 avril 1908. Monsieur le Docteur, Votrc depeche nie surprend bien douloureusement. .11 y a quelques jours ä peine, je recevais la visite de votre pere. Toujours ardent pour le bien public, il venait m'entretenir des institutions juives auxquelles il doimait sa forte et precieuse collaboration, il avait sur elles des vues d'avonir qu'il exposait avec toute la chaleur de son ame. Le len^emain soir, il assistait a la seance de la Jewish Colonizadon Association et prenait une part active k ses deliberations. II etait plein d'entrain, de bonne humeur et nous prcnions plaisir a l'entendre. II etait pour nous tous un precieux coilaborateur connaissant a fond FAmerique, et sa vastc population juive qui, chassee de la Eussie et de la Roumanie par la inisere et la persecution, trouve un asile et un appui sur le sol amerieain. II avait l'esprit toujours -tendu vers eile et s'en faisait le protecteur infatigable. Sa generosite et sa bonte etaient proverbiales en Allemagne. 11 donnait et donnait sans cesse, il entretenait autour de hu une atmosphere de charite - qui sanctifie son