Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1908)
- Article
- Charles L. Hallgarten
- Date
- 1908-05-01
- Page
- Seite 293 - 294 (sequence 1)
- Language
- German
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CHARLES L. HALLGARTEN. Charles L .Hallgarten ist am 18. November 1838 in Mainz geboren. Als Elfjähriger folgte er den Eltern nach New-York, wo er nach Abschluss seiner allgemeinen Bildung in das von dem Vater begründete Bankhaus Hallgarten & Co. eintrat. Hier war er mit seinen Brüdern rastlos tätig. Die Firma brachte es bereits damals zu hoher Geltung. Im Jahre 1875 veranlasste ihn sein Gesundheitszustand, nach Europa zurückzukehren, wo er die ersehnte Stärkung fand. Er Hess sich dauernd in Frankfurt a. M. nieder. Als er dort bald zu grossem Ansehen gekommen war, legte man ihm nahe, die Renaturalisation nachzusuchen. Er tat es für seine Kinder, nicht für sich. So lange für die fremdbiirtigen .luden in I Deutschland volles, gleiches Recht tatsächlich nicht bestehe, so lange wolle er aus der Reihe der minder günstig Behandelten für seine Person nicht heraustreten. Der Stadt Frankfurt aber, die ihm eine zweite Vaterstadt geworden war, schenkte er die 'Freue eines guten Sohnes. Ohne sich von dem geschäftlichen Leben zu trennen, für das er eindringendes Verständnis besass, wendete er sein intellektuelles und herzliches Interesse vornehmlich sozialen Bestrebungen zu, praktischen sozialen Bestrebungen. Nicht mit Zukiml'tsanWeisungen speiste er die Xot des Tages ab, sondern er suchte Einrichtungen zu schaffen, die ohne Verzug und zugleich dauernd Abhilfe brachten. Pass der so gr<»sszügig veranlagte Mann, der mit ganzer Seele Jude war und Jude sein wollte, in unseren Tagten den ' jüdischen Wohlfahrts¬ und Hilfsorganisationen unbeschränkte Teilnahme widmete, ist selbstverständlich. War er doch in Deutschland gerade wieder heimisch geworden, als hier die antisemitische Krankheit ausbrach, die zu Anfang der achtziger Jahre den Höhepunkt erreichte. Nicht einen Augenblick liess er sich von der Erfüllung seiner Menschheitspfiieht abbringen. Aber in Erfüllung eben dieser Mensehheitspnicht hielt er sich verbunden, seine vornehmste tätige Anteilnahme den MeistuULs^ bedrängten, den mit Ungerechtigkeit Behandelten zuzuwenden und die Fürsorge anderer zu erwecken. Seine Opferwilligkeit war grenzenlos und kannte keine Unterscheidungen. Was insbesondere in Frankfurt a. M. an Wohlfnlirtseinrichtungen geschaffen ist, trägt zwar nicht seinen Namen — das verbot seine aufrichtige Bescheidenheit — aber die unverwiseblichen Spuren seiner materiellen und werktätigen Mitarbeit. In 45 humanitären Verbänden war er Präsident — nirgend blos der Form nach — in allen jüdischen Organisationen von weitreichendem Wirkensgebiet stand er in vorderster Reihe. In dem Kuratorium der Jewish (Ydonisation Association, im Central-Uomite der xMliance Israel ite Universelle und im Präsidium ihrer I)eutsc 1 ien Conferenz-( femeinschaft war er Mitglied. Für ihn war keines seiner zahlreichen Ehrenämter ein Schaustück. Er suchte vielmehr seinen Stolz darin, sich überall mit vollem Eifer und Fleiss und mit ganzer Hingabe einzusetzen. In der Heutschen Conferenz-Gemeinschaft haben wir es vor allem erfahren. Seine Aufmerksamkeit galt den grossen wie den kleinen Hingen, ohne dass er selbst je kleinlich war. Bis zu seinem letzten Atemzug hat er die Arbeit geliebt, hat er ohne Arbeit nicht sein mögen. Sogar die der Erholung gewidmete Zeit brauchte der Fremde nicht zu respektieren, wenn er Rat oder Hille von ihm heischte. Es ist wohl nie vorgekommen, dass ein Petent sein Gesicht verdrossen gesehen hätte. Am liebsten freilich hätte er Gaben verteilt ohne Ansehen der Person, d. h. ohne dass er selbst dabei vom Empfanger gesehen würde. Wo J&wfyü4G^\. es jn jer Möglichkeit lag, sich diesen Wunsch zu erfüllen, da tat er es. So war er, so ist er bis zum Lebensende geblieben. Wenn wir für die Frommen und Grossen in Israel beten, so gilt das Gebet auch für den edlen Philantropen Charles L. Hallgarten. nssrjn