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Ost und West · 1908-05-01 · Heft 5 (Mai 1908) · p. Seite 291 - 292

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Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 5 (Mai 1908)
Article
Charles L. Hallgarten
Date
1908-05-01
Page
Seite 291 - 292 (sequence 2)
Language
German
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Friedrich Naumann: Charles L. Hallgarten. 292 griffen und viel zu fest in der Achtung seiner Mitbürger, als dass er persönlich hätte empfindlich sein sollen, aber er hatte ein starkes angeborenes Mitgefühl für alle jüdischen Nöte im Inland und Ausland. Alle grossen israelitischen Hilfsorganisationen haben seine Mitwirkung kennen gelernt. Ich habe öfter mit ihm über die zionistischen Fragen eingehend gesprochen. Er war kein Zionist und pflegte das scharf zu betonen, weil ihm der Zionismus als eine Art von jüdischem Partikularismus erschien. Insbesondere wollte er nichts von der Hinlenkung der Juden nach Palästina wissen, da er von der UnWirtschaftlichkeit dieses Landes überzeugt war und für ihn die besondere Mystik der heiligen Orte wenig besagte. Mit Wärme und fast mit Hegeisterung sprach er aber von der Ueberführung östlicher Juden nach Amerika. Dort soll die Not der galizischen und bessarabischen Juden zur Ruhe kommen, weil alles Menschenleid zur Ruhe kommt, wo Freiheit waltet. Kr nahm es lächelnd an, als ich sagte, er sei amerikanischer Zionist. Wenn nun Hall garten nur für die Juden gesorgt hätte, so wäre dieses schon an sich ein Werk der Humanität gewesen; aber die Not des Judentums war tür ihn nur der Uebergang gewesen, um alle Menschheitsfragen praktischer Art überhaupt in Angriff zu nehmen. Er war über seine Konfession hinausgewachsen, ohne ihr untreu zu werden. Seine Religion war, wenn ich so sagen darf, das Wohltun und Helfen an sich. Er war ein Virtuose in praktischer Humanität, kein Mann des rednerischen Pathos und kein Fanatiker für irgend eine Sonderbestrebung, aber fabelhaft vielseitig in hunderterlei Hilfe. Ich habe mit ihm Arbeiterwohnungen besucht, Schulen, die neuen Frankfurter Akademieräume, Lesesäle, habe mit ihm über Zeitungsgründungen verhandelt, über Gesetze, Enqueten, Statistik gesprochen, über Gewerkschaften, Genossenschaften und Parteitage, und immer war er unterrichtet und kannte Einzelfragen. Das alles war ja aber doch nur ein Ausschnitt dessen, was ihn beschäftigte. Meist wurden ganz konkrete Dinge erörtert: die beste Art, eine Arbeiterwohnung zu heizen, die Fassung eines wesentlichen Paragraphen in einem Statut usw. Und nur ganz selten, etwa am Schlüsse eines Tasres, sing er auf die allgemeinen Grundlagen seines sozialen Wirkens ein, auf seine Erfahrungen mit den Mensehen. Dann habe ich ganz still zugehört, denn mir war es andächtig zu Mute, wenn dieser Mann, dessen Güte so unendlich oft missbraucht worden ist, über Dankbarkeit und Undankbarkeit der Menschen zu reden anfing. Er hatte die Ansicht, dass der unfertige und ungereifte Mensch gar nicht eigentlich dankbar sein könne, und dass man unrecht tue, es von ihm zu verlangen. Es sei falsch, als Ziel des Wohltuns einen psychologischen Befriedigungszustand anzusehen, sei es nun für das Subjekt oder für das Objekt der Hilfstätigkeit. Das Entscheidende sei das Objektive, die Steigerung der in den Menschen liegenden Leistungskräfte. Wenn diese gelingt, dann hat die Hilfe ihren Zweck erreicht. In der Politik unterstützte Hallgarten verschiedene liberale und soziale Eichtungen und Hess sich dadurch nicht allzusehr anfechten, wenn diese Richtungen unter sich gewisse Differenzen hatten. Es lag nicht in seiner Art, irgend eine Gruppe von sich aus bestimmen zu wollen, sobald er nur die Empfindung hatte, dass lebensvoll gearbeitet wurde. Dabei aber besass er eine gewisse gütige Ironie für die Kleinlichkeiten der sich bekämpfenden Verwandtschaften, sei es nun innerhalb der Armenpflege oder der Frauenbewegung oder der linksliberalen Parteien. Ueberhaupt muss man ihn als stillen Vertreter der erst kommenden, aber leider längst noch nicht vorhandenen neuen deutschen Linken ansehen, der Mehrheit von Bebel bis Bassermann. Im Sinne dieser Mehrheit erkundigte er sich nach den sozialdemokratischen Revisionisten ebenso wie nach den Vereinen der Linksliberalen. Ein besonders gutes Andenken bewahrte er für Rickert. Mit lebhaftester Teilnahme verfolgte er die Bemühungen zur Einigung der Linksliberalen. Den Abend nach unseren ersten Konferenzen haben wir bei ihm zugebracht, und bis in die letzten Wochen vor seinem Tode Hess er sich alles gern berichten, was es an Zweifeln, Schwierigkeiten und Hoffnungen der Einigung gab. Er war kein aktiver deutscher Politiker, denn er blieb amerikanischer Staatsbürger; aber er glaubte mit ganzer Seele an die zukünftige deutsche Freiheit. Ein wohltuender Optimismus ging von seinen kleinen, hellen Augen aus. Wieviel haben sie gesehen! Nun sind sie geschlossen. Wievielen haben sie geleuchtet l Nun sind sie müde geworden. Requiescat in pacel (Frank!'. Ztg.)

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