Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1908)
- Article
- Abschiedswort des Präsidenten der deutschen Conferenz-Gemeinschaft Ludwig Max Goldberger an der Bahre von Charles L. Hallgarten
- Date
- 1908-05-01
- Page
- Seite 283 - 284 (sequence 1)
- Language
- German
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283 284 ABSCHIEDSWORT des Präsidenten der Deutschen Conferenz-Gemeinschaft Ludwig Max Goldberger an der Bahre von CHARLES L. HALLGARTEN. Für die Alliance Israelite Universelle, für ihr Central-Comite, dessen Mitglied du während fünfzehn Jahren gewesen bist, und für ihre Deutsche Conferenz-Gemeinschaft, in der du als Vice-Präsident des Amtes waltetest, sage ich dir, du Teurer, da dein irdisch Teil von uns geht, das Abschiedswort Du warst von den Edlen in dieser Welt und gehörtest zu den Grossen in unserer Glaubensgemeinschaft. Wir haben dich mit hehrem Stolz den Unsrigen genannt. Deinem Pulsschlag horchten wir und deines Herzens Stimme folgten wir in den Taten der Menschen- und Nächstenliebe. Du standest über der Parteien Gunst und Hass. Nach deiner Wesensart warst du der Alliance unendlich nahe. Du erglühtest für das Schul- und Kulturwerk, das sie in drei Erdteilen während eines halben Jahrhunderts aufgebaut hat, du wirktest mit ihr für die Gleichstellung und den moralischen Fortschritt der Glaubensgenossen; und wenn sie als solche litten, bedrängt waren, von Haus und Hof vertrieben wurden, da zogst du mit der Alliance zur Befreiung und Hilfeleistung, neue Wege suchend, den Gebeugten anderwärts eine Heimstatt und ein menschenwürdiges Dasein erschliessend. Du warst unser Führer, zielbewusst und doch milde, dein Verstand war so gross wie dein Herz. An unserer Renaissance in Deutschland hast du mit dem frohen Wagemut der Jugend und dem abgeklärten Bedacht des Alters mit geschaffen. Nie kam in unseren Arbeiten und Beratungen ein Wort des Tadels oder der Härte über deine Lippen. Du liebtest die Eintracht unter den Menschen, der Eintracht willen, damit sie die Sache fördere, für die diese sich einsetzten. Noch in den letzten Wochen war dein Sinnen und Trachten der Möglichkeit eines harmonischen Zusammenwirkens unserer grossen jüdischen Organisationen in wichtigen Fragen zugewendet. Da reisst dich der Tod jäh aus unseren Reihen. Eine klaffende Lücke, weit und tief! Wir sind fassungslos. Klagend stehen wir an deiner Bahre, und kein Ende sehen wir unserm Schmerz. Und wenn Engelszungen redeten, sie fänden keinen Trost. Nur zu künden vermöchten sie, dass dein Name mit leuchtenden Lettern eingezeichnet bleibt in den Annalen der Alliance Israelite Universelle, die dein Andenken hoch und heilig halten wird für die kommenden Geschlechter. So nehme ich Abschied von dir, du Teurer, für die Alliance, und auch für mich persönlich, der dich in gemeinsamer Tätigkeit lieb gewonnen hat mit allen Fasern seines Herzens, dem du Freundschaft und Liebe entgegengebracht hast, und der dir die Liebe bewahren wird in Treue, so lange noch Atem in ihm ist. Friede deiner Asche!