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Ost und West · 1908-03-01 · Heft 3 (März 1908) · p. Seite 207 - 208

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Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 3 (März 1908)
Article
Das Hilfswerk in Marokko
Date
1908-03-01
Page
Seite 207 - 208 (sequence 1)
Language
German
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207 208 DAS HILFSWERK IN MAROKKO. Von dem Vertreter der Alliance Israelite Universelle in Casablanca, Herrn Pisa, ist an den Präsidenten der Alliance folgender Bericht gelangt: Casablan c a, 9. Februar 1908. Herr Präsident! Gestern abend bin ich eiligst von Herrn Malport uy, dein französischen Konsul, gerufen worden, der mir von folgender Depesche des Generals d'Amade Mitteilung machte: ,,80 Israeliten von Settat sind unter französischem Schutze auf dem Wege nach Casablanca; treffen Sie Vorbereitungen zu ihrer Aufnahme." Wirklich war am 5. eine Heeresabteilung von Casablanca nach Settat aufgebrochen und hatte nach kurzem Kampf die Kasbah bombardiert, nachdem die Israeliten diese verlassen hatten und von den französischen Truppen aufgenommen worden waren. Herr Malpertuy riet mir, sofort auf Mittel bedacht zu sein, um die so vielfach heimgesuchten Unglücklichen unterzubringen. Mit rührenden Worten voller Mitgefühl stellte er mir so viel Brot zur Verfügung, als ich täglich nötig haben würde. Mit Herrn Zagury, dem Vorsitzenden des israelitischen Comites, der gleichfalls unterrichtet worden war, machte ich mich auf, eine hinreichend geräumige Unterkunft zu suchen, die die Flüchtlinge fassen könnte, ohne daß man den Ausbruch einer Epidemie zu befürchten hätte. Herr Bendahan, ein hiesiger Notabler, stellte uns entgegenkommend eine seiner Besitzungen zur Verfügung. Wir bereiteten in aller Eile ein Frühstück vor und machten uns zum Empfang der Flüchtigen bereit. Heute früh 11 Uhr sind sie, 135 an der Zahl, in kläglichem Zustand angelangt. Die Männer sahen aus wie Gespenster, die Haare struppig, der Bart ungepflegt, in schmutzige Säcke gehüllt, teilweise nackt, die Füße geschwollen, die Frauen notdürftig in ein Stück farblosen Gewebes gehüllt, an den ausgetrockneten Brüsten halbverhungerte Kinder. Unmöglich, jung und alt von einander zu unterscheiden — so sehr hat das Elend sie gleich gemacht. Wir bereiten ihnen ein Strohlager, geben ihnen Wasser, bieten ihnen Brot und Orangen, und hören den Bericht über die Schrecknisse, denen sie seit Monaten ausgesetzt gewesen sind. „Sie wissen," erzählt uns eine junge Frau, „was wir vor vier Jahren gelitten haben. (Jm Jahre 1903 hat eine große Plünderung stattgefunden). Wir waren in unsere Häuser zurückgekehrt und hatten uns an unsere Arbeit begeben, einige zum Körnerbau, andere zur Schuhflickerei. Die folgenden Jahre waren hart. Es hat an Regen gefehlt und es gab keine Ernte. Für uns bedeutete das den Hunger. Aber wir helfen uns immer durch, wenn man uns nur im Mellah in Ruhe läßt. Vor sechs Monaten sahen wir, daß die Dinge eine üble Wendung nahmen, und daß die Araber auf einen schlimmen Streich dachten. Darnach erfuhren Nachdruck verboten. wir die Plünderung von Casablanca. Die Israeliten, die diese Stadt verlassen hatten, flüchteten sich zu uns. Wir nahmen sie in unsere Häuser und unsere Hütten auf. Bald kehrten sie zurück, die einen über Mazagan, die anderen über Rabat. Als wir die Mehallah Mouley Reehids kommen sahen, hatten wir das Vorgefühl eines Überfalles. Denn wenn die Mehallah oder die Stämme Geld brauchen, so stürzen sie sich eben auf uns. Wirklich plünderten sie auch vor drei Monaten einen Teil des Mellah, die Streitigkeiten unter den Stämmen sich zunutze machend. Sie nahmen uns alles, was wir hatten. Es war herzlich wenig, und vielleicht danken wir es unserer Armut, daß wir das Leben behielten. Nach dem Abmarsch der Plünderer hatten wir den Hungertod vor Augen. Nach Casablanca konnten wir nicht gehen, weil die Araber uns den Weg versperrten, doch auch rückwärts konnten wir uns nicht bewegen, aus Furcht, anderen arabischen Stämmen in die Hände zu fallen, und so waren wir gezwungen, in den verlassenen Dörfern zu arbeiten. Zum Glück kam ein Kurier von Herrn le Maitre aus Casablanca, der einen Brief an den Schelk ben Omar brachte, in dem wir ihm empfohlen wurden. Dieser reiche Araber nahm uns alle auf. gab uns wochenlang zu essen und zeigte sich von solcher Güte, daß wir nicht glauben wollten, er sei ein Araber. Vor einem Monat kamen die Franzosen nach Settat. Die Araber flohen alle, viele Israeliten mit ihnen. Wir blieben, etwa 400 an der Zahl, in der Stadt, hoffend, daß die Franzosen die Stadt einnehmen würden. Aber nach mehrstündigem Aufenthalt brachen sie plötzlich auf. Kaum waren sie einige Kilometer entfernt, wir sahen noch ihre Feuerzeichen, als die Araber von den Bergen zurückkamen. Die folgenden 14 Tage waren furchtbar, und ich begreife noch nicht, daß wir sie überlebt haben. Alle Leute, die überhaupt sich bewegen konnten, verließen die Stadt und flohen zum Ry Ayouch-ben Malca hinter den Bergen, den die Araber respektierten. Wir blieben in fortwährender Angst in der Stadt, in ewiger Furcht vor einer Plünderung. Einige Tage später rückten endlich die Franzosen wieder vor Settat. Wissend, daß die Franzosen jetzt dableiben würden, plünderten die Araber ein letztes Mal die Stadt und führten einige mit sich fort. Die Zurückgebliebenen wurden von den französischen Truppen aufgenommen, die uns zu essen gaben. Man fragte uns aus, und wir antworteten, was wir wußten, daß die Mehallah nicht mehr kämpfen wollte, daß Zwietracht unter den Stämmen herrscht. Endlich führte man uns nach Bereschied zurück, eine Nacht schliefen wir in Medionna, und jetzt sind wir ohne Hoffnung auf Wiederkehr in unsere Häuser." Auf unsere Frage, was aus den anderen Israeliten geworden sei deren es in Settat und in den Dörfern doch mindestens tausend gegeben hätte, und von denen jetzt nur 150 vorhanden seien, erhielten wir den Bescheid: ,,Wir wissen es nicht. Viele sind in

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