Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 3 (März 1908)
- Article
- Abraham Goldfaden
- Date
- 1908-03-01
- Page
- Seite 161 - 162 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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161 Abraham Goldfaden. 162 „Theaters" und glaubt, das sei sein Euhm. Aber die vielen sogenannten Theaterstücke oder „Piecen", wie er zu sagen pflegte, Tragödien, Komödien, Opern, Operetten und sonst allerlei, waren sämtlich, literarisch genommen, nur ein Vorwand, ein Umweg, auf dem seine Lyrik und sein Humor in die weite Oeffentlichkeit gelangte. Wer die lyrischen und humoristischen Gedichte Goldfadens kannte, und dann eines seiner dramatischen Stücke zu Gesichte bekam, den konnte man unweigerlich ausrufen hören: „Der Mann ist zum Volke hinabgestiegen." Aber zum Volke steigt man niemals hinab. Zum Volke führt der Weg immer aufwärts. Nur ist Abraham Goldfaden, als er das jüdische Theater gründete, zu einer sehr zweifelhaften, gemischten Gesellschaft hinabgestiegen, der er Amüsements bieten wollte. Das war während des russischtürkischen Krieges, als sich in Bessarabien eine grosse Schar von Militärlieferanten und deren Anhang angesammelt hatte und nach Unterhaltung und Zerstreuung lechzte, während der langen Wintermonate. Ihnen zuliebe „schuf* Goldfaden ein Theater, d. h. er zimmerte eine Schaubude, las eine Schar verfehlter Existenzen zusammen, die er zu Mimen abrichtete, und fabrizierte eine Anzahl von Stücken „mit Gesang", aus Volksweisen, Synagogenmelodien, Operettenarien und Gassenhauern bunt zusammengeflickt. Das mundete trefflich jenem Publikum. Natürlich konnte selbst bei dieser Mache der echte Dichter, der in Goldfaden steckte, sich nicht verleugnen. Auch hat das Goldfadensche Theater nach diesen niederen Anfängen einen Keinigungsprozess durchgemacht, wenigstens die ersten Stadien eines solchen — und war auf dem besten Wege, eine Volksbühne im edelsten Sinne zu werden. Aber anstatt die Aufmerksamkeit der jüdischen Intelligenz auf sich zu lenken und deren Förderung zu gewinnen, erfreute sich die jüdische Bühne des Schutzes der russischen Regierung, die die Theater schloss, die Stücke verbot, die Schauspieler verbannte. Das Goldfadensche Theater fand eine Zuflucht in Galizien, London und Nordamerika, und eine Weile schien es in der Tat zu einem besseren Leben zu erwachen. L. PILICHOWSKI PARIS. Grand Rabbin Zadok Kahn. (Im Besitz der Familie. Aber seine Entwickelungskraft war gebrochen. Dann kam eine Reihe von schauderhaften Nachahmern, die den Geschmack der Menge entsetzlich verdarben. Aber gleichwohl hat die Schöpfung Goldfadens den Massen den Weg zu einer edleren Zerstreuung gewiesen, ja, ihnen in den „historischen" Stücken, so grotesk sie waren, manche weihevolle Stunde geschenkt. Das Bändchen hebräischer Gedichte, mit denen Goldfaden vor etwa 40 Jahren debütierte, ist vergessen, aber die 5 Bändchen seiner jüdischen Lieder werden bleiben, bleiben auch manche köstlich geschaute Gestalt aus dem Volke. Um dieser Gaben willen hat das Volk ihn geliebt, und haben hunderttausend Juden in New- York sich herbeigedrängt, um seinen Sarg zu berühren.