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Ost und West · 1908-03-01 · Heft 3 (März 1908) · p. Seite 159 - 160

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Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 3 (März 1908)
Article
Werke von Leopold Pilichowski
Date
1908-03-01
Page
Seite 159 - 160 (sequence 2)
Language
German
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159 K : Werke von Leopold Pilichowski. 160 L. PILICHOWSKI PARIS. Jüdische Andacht. (Im Besitz des Dr. Baer, Wiesbaden.) Formcharakter wie der des betenden Juden in „Jüdische Andacht4* oder in „AI chet"; westländisch dagegen ist die Charakteristik Z ad ok Kahns, in der theologisches Selbstbewußtsein und rationalistische Gläubigkeit treffend ausgedrückt sind. Zwei Dinge ziehen Pilichowski am meisten bei den Juden an: ihre Andacht und ihr Leiden, und in beiden die müde Schwermut und die drückende Atmosphäre. In engem Räume stehen sie nebeneinander, ihre Köpfe werden im Halbdunkel sichtbar, und der Ausdruck birgt sich in Schatten. Ein Gemurmel ist um sie her, leises Bitten, hingehauchtes Klagen schweben in seltsamer Melodik auf und niederwärts, Worte von den Lippen und Schläge auf die Brust bekennen; ,,A1 chet". Ernst, Reue und missmutige Selbstanklage prägen sich in ihren Zügen aus, da sie das Sündenbekenntnis sprechen; und doch ist eine Gewissheit darin, Bereuen und Bitten, aber nichts von Verzweiflung. „Wir haben gesündigt, doch du bist ein Gott des Verzeihens," sprechen sie; und es ist der Tag der Versöhnung. Wo sie betend erscheinen, da scheint alle Versenkung in Trostesgründe fernhin zu dringen. Wo sie aber nach Brot suchend an den Treppen gefunden werden, da lastet's wie ein Fluch auf ihnen. „Müde Wanderer" sind sie von Sonnenaufgang bis zum Untergang, graue Flächen starren, wo sie weilen, und Verlassenheit ist in ihrem Umkreis. Für eine Weile haben sie sich auf die Treppe hingesetzt, nun ist es eine Ewigkeit geworden. Ihr Schlummer ist ein endloses Dämmerdasein, ohne Hoffnung, ohne Rat und ohne Zukunft, nur von Hintergründen der Kot allseitig umklammert. Wurzellos und ausgestossen sitzen sie da, ihre Peripherie ist abgeschnitten von Welt und Raum, nnd niemand mag etwas von ihnen wissen. Man hat den Eindruck, als gehe die Sonne eben unter und kümmere sich nicht um sie, als spielen Kinder in der Nähe und sehen sie nicht an, als begrüssen sich Menschen auf der Strasse und sind ihnen fremd. Und sie schlummern weiter, in der Fremde, in der Einsamkeit, bis sie dann plötzlich -wach werden zur Betenszeit; dann sind sie nicht mehr allein. Dann haben sie Rat und Hoffnung und Gewissheit. K. ABRAHAM GOLDFADEN. In den Zeitungen stand es zu lesen: als er zu Grabe getragen wurde, drängten sich hunderttausend Bewohner des New-Yorker Ghettos herbei, um seinen Sarg zu berühren. Vor einigen Jahren kam es in demselben New-York zu heftigen Ausschreitungen, als hunderttausend Juden einen ihrer altmodischen Rabbiner zu Grabe geleiteten und dabei vom Pöbel verhöhnt wurden. Wenn die beiden sich im Jenseits begegnen, der Rabbiner und Bänkelsänger, der Rabbiner wird stauuen, den Bänkelsänger au seiner Seite zu treffen. Und doch hat die Liebe und die Dankbarkeit des Volkes den Bänkelsänger dorthin gestellt. Es wäre nicht .richtig, zu sogen, ,.dass er sich in die Volksseele Nachdruck verboten. hiueingesungen". Im Gegenteil. Ihm ward die Gabe, aus der Seele des Volkes heraus das zu singen, Avas sie jedesmal bewegte. Eine Seite der jüdischen Natur war in ihm verkörpert: der unverwüstliche Frohsinn, der sich im tiefsten Innern von keiner Verzweiflung überwältigen lässt; der durch Tränen lachende Humor, der die Not des Augenblicks mit einem lustigen Liedchen verscheucht, oder sie in einem guten Witz verspottet. Aber auch für die sehnsuchtsvolle Schw/ermut der Judenseele, für deren tragisches Ringen und unauslöschliches Hoffen, hat er zuweilen Töne zu finden gewusst. Man betrachtet gewöhnlich Abraham Goldfaden als den Schöpfer des sogenannten jüdischen

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