Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1908)
- Article
- Briefe des Herrn Bensimhon, Direktors der Allianceschule in Larache, über die Ereignisse in Fez
- Date
- 1908-02-01
- Page
- Seite 127 - 128 (sequence 2)
- Language
- German
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- Tunis 3× ep/1048155
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127 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die Israeliten in Marokko. 128 wieder aufzuatmen. Der Mellah ist militärisch bewacht, aber die Tore sind geöffnet. Freilich wagt niemand, sie zu überschreiten. Folgendes war geschehen: Seit einiger Zeit waren Gerüchte im Umlauf, dass die Stämme mit den Behörden wegen der Aufhebung der Hafenzölle und anderer Steuern unterhandelten. Am Dienstag sah sich der Maghzen angesichts der feindlichen Haltung der Stämme genötigt, ihnen den Willen zu tun und sie von jeder Steuer zu befreien. Am anderen Morgen verlangte die Bevölkerung die gleichen Privilegien, und die Gilde der Gerber und Lederarbeiter gab das Zeichen zum Aufstand. Alle Freunde von Unruhen stürzten auf das Tabaksdepot, dessen Monopol in den Händen von Israeliten ist. Diese Unglücklichen, unversehens angegriffen, entkamen über die Terrassen und entflohen in die benachbarten Häuser, die zügellose Bande plünderte daraut die anderen jüdischen Magazine aus. Das Warenlager des Hauses Levy Bencheton, das grösste der Stadt, wurde ausgeraubt. Der angerichtete Schaden übersteigt zweimalhunderttausend Franks- Alle Israeliten, die sich damals in der arabischen Stadt Medina befanden, verdanken ihre Rettung nur der Flucht oder dem Schutz einiger Scheriffs. Während die Eäuber sich um die Beute stritten, hatte der Maghzen glücklicherweise Zeit, alle Stadtviertel abzuschliessen und so den Durchgang zum Mellah zu versperren. Augenblicklich scheint die Ruhe wiederzukehren, aber der geringste Zwischenfall kann die gleichen Wirren erneuern und uns der Wildheit dieser Banden überliefern. Die Autorität des Mayhzen ist fast Null, in unserer Gegend herrscht Anarchie." J. Bensimhon. DIE JUDEN IN TUNIS. Ueber die Lage der Juden in Tunis und ihre Behandlung durch die französische Regierung schreibt man der „Vossischen-Ztg.u aus Paris: „Der Ausschuss, der dieser Tage nach Tunis und Algier geschickt wurde, um an Ort und Stelle die Frage des Heeresdienstes der Eingeborenen zu studieren, hat nicht vermeiden können, in seinem Bericht auch einen Punkt wenigstens flüchtig zu streifen, um den die französische Verwaltung sich sonst beharrlich herumdrückt: die Lage der Juden in Tunis. Vor der französischen Besitzergreifung waren die Juden, deren man in Tunis 60000 zählt, dort, wie in den anderen Barbareskenstaateu, rechtlos. Diejenigen von ihnen, die tzu Wohlstand und und infolge davon auch regelmässig zu europäischer Bildung gelangten, entzogen sich unwürdiger Unterdrückung, indem sie sich unter den Schutz einer europäischen Macht stellten, der ihnen im Interesse der Handels Verbindung leicht UDd gern gewährt wurde. Die Schutzbefohlenen schickten ihre Söhne dann meist in das Schutzland, um sie dort studieren zu lassen, und dieses folgende Geschlecht lies sich fast immer in aller Form naturalisieren. So fanden die Franzosen eine grosse Mehrheit eingeborener, sehr tief versklavter afrikanischer und eine kleine Minderheit europäisch gebildeter Juden vor, die Staatsangehörige europäischer Mächte, fast ausnahmslos Italiens, waren, zu einem unbedeutenden Teil übrigens tatsächlich aus Italien, meist Livorno stammten. Die französische Besitzergreifung wurde von der jüdischen Bevölkerung freudig begrüsst. Sie erwartete von ihr nicht nur Ordnung. Gerechtigkeit und höhere Gesittung, sondern auch Freiheit und Gleichberechtigung. Sie hatte das Beispiel der algerischen Juden vor Augen und hoffte ebedsogut behandel zu werden wie diese. Selbst die Juden, die sich europäischer Staatsangehörigkeit erfreuten, waren, soweit sie nicht selbst aus Italien eingewandert, gern bereit, sie mit der französischen Staatsbürgerschaft zu vertauschen, und es unterligt keinem Zweifel, dass die französische Herrschaft in Tunis keine festere Stütze gehabt hätte, als dieses rührige, bildungs- Nachdruck verboten. dürstige und wirtschaftlich voranstrebende Bevölkerun gselement. Die tunesischen Juden sollten jedoch alsbald eine bittere Enttäuschung erleben. Die französische Verwaltung lehnte es ausdrücklich, ja schroff ab, an der rechtlichen Stellung der Juden etwas zu ändern. Die eingeborenen Juden blieben der mohamedanischen Verwaltungsbehörde und Rechtspflege unterworfen, das heisst nach wie vor rechtlos, die europäischen Staatsangehörigen blieben Ausländer und dem Fremdenrecht unterstellt. Das hatte diese Folgen: die europäisch naturalisisrten Juden, früher bevorrechtet, verloren alle Rechtssicherheit und konnten, wie alle anderen Ausländer, mittels einfacher Polizeiverfügung ausgewiesen werden; zu irgend einer öffentlichen Stellung wurden sie nicht mehr zugelassen. Franzosen werden konnten sie nur nach Massgabe des französischen Gesetzes über die Erwerbung der französischen Staatsangehörigkeit. Nicht einmal die Erleichterung galt für sie, die für die Kolonien im Gesetz ausdrücklich bewilligt ist, denn Tunis wird eben nicht als Kolonie angesehen. Die Lage der eingeborenen Juden aber war erheblich verschlechtert. Sie mussten vor dem Kadi Recht nehmen, der nach dem Koran Recht spricht, also in einem Rechtsstreit zwischen einem Juden und einem Moslim das Zeugnis des Juden nicht gelten lassen darf, was darauf hinausläuft, dass der Jude grundsätzlich Unrecht behält. Das macht für ihn jedes Geschäft mit einem Mohamedaner zu einem äusserst gewagten Unternehmen und verhindert eine wirtschaftliche Tätigkeit grösseren Stils, die nun einmal die Möglichkeit der Kreditgewährung und Schulden eintreibung mittels gerichtlicher Hilfe, Treu und Glauben und Rechtssicherheit voraussetzt. Sie hatten aber auch nicht mehr das Auskunftsmittel, sich besseres Recht zu sichern, indem sie europäischen Schutz oder eine fremde Staatsbürgerschaft erlangten, denn die fremden diplomatischen Vertretungen nahmen keine Tunesen, Juden oder Mohammedaner, mehr in ihren Schutz oder gar ihre Staatsangehörigkeit auf, weil Frankreich dies nicht gern sah. Bewarben sis sich nun um die Aufnahme in den französischen Staats verband, so erfuhren