Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1908)
- Article
- In der Verbannung
- Date
- 1908-02-01
- Page
- Seite 103 - 104 (sequence 2)
- Language
- German
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103 Adam Szymanski: In der Verbannung. 104 zogenen Wände uns anblickten, lag auf der beschneiten Erde ein gleichfalls mit Schnee bedeckter großer Leichnam, der in ein Leintuch oder ein Hemd gewickelt war und an dem der gefrorene Schnurrbart in die Höhe starrte. Das war Baldyga. Der Körper^war sehr erstarrt, und um ihn leichter in den bereitstehenden Sarg schieben zu können, mußte man ihn näher an die Türe hinschieben. Niemals werde ich dieses Gesicht vergessen, das ich jetzt beim Lichte des Tages, nachdem man davon den Schnee entfernt hatte, erblickte. Die strengen Züge trugen den Ausdruck eines seltsamen, unbeschreiblichen Schmerzes, und die weitaufgerissenen Augen schienen mit einem herben Vorwurfe nach dem frostigen, unerbittlichen Himmel gerichtet zu sein. „Der Verstorbene war ein braver Mann", sagte zu mir einer meiner Nachbarn, den Eindruck bemerkend, den dieser Anblick mir machte; ,,er war stets gesund und arbeitsam und gewährte immer einem Ärmeren Schutz und Obdach bei sich. Aber er war starrsinnig und glaubte bis an sein Ende, daß er noch einmal die Heimat sehen würde. Offenbar hat er vor dem Tode begriffen, daß dies nicht so kommen werde/' Mittlerweile wurde der versteinerte Leichnam in den Sarg geschoben und dieser auf den kleinen, einspännigen Jakutenschlitten gesetzt. Als nachher eine Schneidersfrau, die mit den religiösen Übungen vertraut war und zeitweise die Obliegenheiten eines Geistlichen versah, das „Ave Maria" anstimmte, sangen wir alle mit gebrochenen Stimmen mit, und der Zug setzte sich in Bewegung. Wir gingen nach. Der Frost stieg und trieb zur Eile. Endlich waren wir auf dem Friedhof, warfen einige Klumpen hartgefrorener Erde auf den Sarg, dann folgten einige hurtige Schläge mit dem Spaten, und nach einer Weile zeigte nur noch ein kleiner, frisch geschaufelter Hügel von Baldygas Existenz auf dieser Erde. Doch nicht lange dauerts, kaum einige Monate. Es kommt der Frühling und die von der Sonne erwärmte Erde taut auf, wird mit dem Boden gleich, Gras und Unkraut wachsen darauf. Nach einem oder zwei Jahren sterben die Zeugen des Begräbnisses aus oder verstreuen sich in der weiten Welt — und dann mag einen auch die eigene Mutter suchen, sie findet ihn nicht mehr auf der Erde! Doch hier sucht niemand einen Verstorbenen auf, nicht einmal ein Hund bellt ihm nach..... Das wußte Baldyga, das wußten wir auch und schweigend ging jeder nach Hause. * * * Am folgenden Tage wurde der Frost noch stärker. Auf der entgegengesetzten Seite der Straße, wo ich wohnte, konnte man kein einziges Gebäude wahrnehmen. Ein dichter Nebel von Schneekrystallen hing gleich einer Wolke zur Erde nieder. Hinter diesem Nebelschleier blickte die Sonne nicht mehr hervor. Aber obgleich auf der Straße keine lebendige Seele zu sehen war, brachte doch die durch die ungeheure Kälte stark verdichtete Luft zu meinen Ohren bald die metallischen Klänge des knisternden Schnees, bald das Krachen der in den Wänden der Häuser platzenden dicken Balken, bald den wie ein Stöhnen klingenden, wehmütigen Gesang der Jakuten. Offenbar brachen jene fürchterlichen jakutischen Fröste heran, mit denen verglichen der grausamste Polarwinter nur ein Kinderspiel, ist, dem gegenüber den Menschen eine unaussprechliche Angst beschleicht und jeder lebendige Organismus, seine völlige Ohnmacht fühlend, sich zusammenkauert und zusammenschrumpft, wie ein von der Meute gehetztes Wrild, welches wohl weiß, daß aller Kampf vergebens ist, und daß der unerbittliche Feind früher oder später das Feld behaupten wird. Immer häufiger stand die Gestalt Baldygas vor mir. Seit einer Stunde schon saß ich vor einer angefangenen Arbeit; doch diese ging nicht gut vonstatten, die Feder fiel mir aus der Hand, und der ungehorsame Gedanke flog weit hinaus über die Grenzen der schneebedeckten und frostigen Erde. Vergebens appellierte ich an meinen Verstand, vergebens wiederholte ich mir zum zehnten Male den Rat des Arztes. Bisher hatte ich der mich seit Wochen verzehrenden Krankheit, der Nostalgie, einigermaßen Widerstand geleistet — heute fühlte ich mich völlig kraftlos. Das Heimweh zerfraß und peinigte mich unbarmherzig..... So oft schon war ich imstande gewesen, den lockenden Trugbildchen zu widerstehen, sollte ich ihnen mich heute nicht widersetzen können? Doch die Versuchung war stärker und ich schwächer als gewöhnlich. Fort also mit dem Frost und Schnee, fort mit der jakutischen Wirklichkeit! Ich warf die Feder beiseite, und, umgeben von Rauchwolken, ließ ich meiner überhitzten Phantasie die Zügel schießen. Und sie trug mich auf ihren mutwilligen Wellen dahin. .... Hinweg über Wälder und Steppen, Berge und Flüsse, über Königreiche und unzählige Länder eilte mein beflügelter Gedanke nach dem fernen Westen und entrollte vor mir wahrhafte Zauberbilder, fern von menschlicher Bosheit und menschlichem Elend, meine heimatlichen Fluren, voller Schönheit und Harmonie. Wo ist der Mund, der das beschreiben, wo die Feder, die das schildern könnte! Ich sah die goldenen Getreidefelder, die smaragdgrünen Auen, die uralten Wälder, die Geschichten aus längst verronnenen Tagen flüsterten. Ich hörte das Rauschen der Ähren, in welchen die Winde Wellen schlugen, das Jauchzen der beflügelten Waldsänger, das Raunen der Rieseneichen, die kühn den Stürmen Trotz boten. Und ich berauschte mich an dem Dufte der Laisamischen Wälder, der blütenreichen Auen, von dem jungfräulichen Blau der Kornblumen geschmückt, an der Schönheit des Frühlings, der die Unschuld der Veilchen zierte. .... Ein jeder Nerv an mir fühlte die Liebkosung der heimatlichen Luft ... Ich fühlte die belebende Wirkung der Sonnenstrahlen, und obgleich draußen der Frost noch wütender knirschte und mich an den Scheiben anfletschte, kreiste doch das Blut lebhafter in meinen Adern, mein Kopf brannte, und wie verzaubert, den Blick in die Ferne gerichtet, lauschend, hörte und sah ich nichts rings um mich her ....