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Ost und West · 1908-02-01 · Heft 2 (Februar 1908) · p. Seite 89 - 90

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 2 (Februar 1908)
Article
Opferung Isaks [Illustration]
Date
1908-02-01
Page
Seite 89 - 90 (sequence 1)
Language
German
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89 RUBENS. Opferung Isaks. PARIS (Louvre). DIE OPFERUNG ISAKS IN DER BILDENDEN KUNST. Von (}. Kutna. Nachdruck verboten. Einst übten die Menschen Molochdienst. Doch es kam ein Tag, da erkannten sie, dass Gott keine Kinderopfer heischen kann. Das war eine wunderbare Offenbarung. Es ist dies eine der grösslen Umwälzungen in der Menschheitsgeschichte, aber beim biblischen Erzähler ist diese Wandlung zu einem Epos des Menschenherzens geworden, innerlich und innig, lieblich und keusch von Anfang bis zu Ende. Wir hören durch die Jahrhunderte hindurch ein Yaterherz pochen und stummen Schmerz, in tiefer Brust geborgen; sehen Bangen und Seligkeit aneinander rühren, und dass der Gottesgeist jeweilen zur Erde steigt. Und so leis und so erlesen ist der Ton und so gütig darin der Geist, dass alle Herzen sinnen und des Glaubens Wundergaben schauen. Jedes Wort ist ein leuchtendes Geschmeide, und das Ganze beglückend wie Morgenlicht; Taufrische liegt darüber, und Gottes Odem weht. Wenn man die Erzählung liest und wieder liest, nimmer wird man satt, nur in allen Tiefen sehnsüchtig nach ihres Lebens Hauch. Ist's der Stil allein, der diese Wunder wirkt, ist's der Adel der Empfindung, die tiefenthüllte Menschlichkeit, oder ein unnennbarer Zauber der Poesie? Genug, was aus der Erzählung uns entgegenweht, ist nicht Schönheit allein, ist lauteres, lebendiges Glücksgefühl. Dies sagt im Grunde gar nichts dem, der es nicht schon selber weiss; doch man kann von gewissen Dingen nicht sprechen, ohne dass die Worte in die Höhe steigen und laut jubilieren. Worin die Erzählung kaum ihresgleichen hat, ist die tiefgründige Seelenschilderung und Beseeltheit bei der sichtbaren, sinnlichen Realität der Vorgänge. Der unmittelbare Wortinhalt ist sachlich, wahrnehmbar für Auge und Ohr, die Wirkung ist rein seelisch, nur dem Herzen erfasslich. Zwischen den Worten geht der Geist einher, wie ein verheimlichter, zitternd banger Ton, und eine schweigsame Ergriffenheit birgt sich im Hintergrund der Ereignisse. Die Handlung nimmt ihren Fortgang, szenisch im Aufbau, absichtslos in der Steigerung, und alles ist voll Seele und Stimmung, voll Teilnahme und Bangigkeit. Die Anrede Gottes zuerst rührt in steigernden Intervallen tief und tiefer an Vaterherz und Vaterleid. Dann kommt die Vorbereitung, der Aufbruch, die Wanderung, alles äussere Handlung, kostbar in der Stofflichkeit, von flehender Erwartung durchhaucht, durchseelt. Darauf das Gespräch zwischen Vater und Sohn mit dem verstummenden Weh, mit dem Zwielicht geheimer Gedanken und Tränen. Die Opferung selbst und die Vision am Ende: letzte Bangnis und letzte Beseligung. Und immer sichtbar in der Form, wurzelhaft im Dasein, von zartester Diskretion in der Gefühlsäusserung.

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