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Ost und West · 1908-02-01 · Heft 2 (Februar 1908) · p. None

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Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 2 (Februar 1908)
Date
1908-02-01
Page
None (sequence 1)
Language
German
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osrtfasr ILLUSTRIERTE MONATSSCHRIFT v FÜR DAS GESAMTE JUDENTUM. Herausgegeben und redigiert von LEO WINZ. Alle Rechte vorbehalten. Heft 2. Februar 1908. VIII. Jahrg. DER MESSIAS VON WIEN. Von B. Samuel. Nachdruck verboten. Vor vierzig Jahren war er gekommen, und nun ist er wieder gegangen. Das war nicht der Messias, wie ihn die Propheten Israels, von Jesaias bis Daniel, herbeigesohnt und verheissen hatten. Es war nur der zentralistische Lieberalismus, der nach Königgrätz in Oesterreich seinen Einzug hielt und von niemandem mit solchen Jubel empfangen wurde, wie von den Juden. Ein goldnes Zeitalter, ein Zeitalter der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit hub, nach der Meinung der damaligen Führer der Wiener Israeliten — Juden wollten sie natürlich nicht sein — an. Der Himmel hing voller Geigen. Im Taumel der Begeisterung fing man an, zu Ehren des Messias im eigenen Hause alles Ererbte und Hergebrachte, alles durch die Arbeit von Generationen Erworbene und Befestigte niederzureissen. Man musste sichdesheranbrechenden goldenen Zeitalters würdig zeigen, und das beste Mittel hierzu war, alles zu vernichten und auszulöschen, was den Juden als Juden kennzeichnen konnte. Was für Stüri/per haben nicht an alten, bewährten jüdischen Institutionen mit plumpen Händen herumgebosselt! Der oberste Grundsatz hiess „abschaffen!" Alles was dem unwissenden, historisch ungeschulten Blick irgend eines halbgebildeten Gemeindepaschas für den Augenblick überflüssig schien, oder dessen Nutzen er nicht einzusehen vermochte, musste in die Rumpelkammer. Der Erlöser Liberalismus war gekommen und hatte ein Stück Papier mitgebracht, auf dem geschrieben stand, die Juden seien sozusagen auch Menschen und wären deshalb vor dem Gesetze den andern Bürgern gleichzustellen. Was brauchte man mehr? Der ganze ungeheure Wortglaube, dessen der Jude fähig ist, wurde auf dieses Wort übertragen, und dieser Glaube verdrängte allen andern, und seine Verheissungen sollten alle anderen Zukunftshoffnungen ertränken. Die Juden waren in den „Bund der Völker" aufgenommen und zum Lohn für diese Gnade und um in dieser höheren Gesellschaft nicht erröten zu müssen, sollten sie so rasch als möglich alles was jüdisch an ihnen war, abstreifen. Ein frisches nagelneu herausgeputztes Judentum sollte erstehen. Emporkömmlinge haben eine Vorliebe für alles, was nach frischem Firnis riecht. Das neue Reich des Liberalismus war angebrochen. Das Reich währte, ach, so kurz! Gleich von Anbeginn ruhte es auf so schwacher Grundlage. Und nun ist es völlig zertrümmert. Als seine Verkörperung im politischen Leben erschienen die Abgeordneten der „Vereinigten deutschen Linken" welche die Deutschen in Oesterreich repräsentierten, und denen die Juden der ganzen Monarchie treue Gefolgschaft leisteten. Sogar die Juden von Galizien entsandten aus dem Wahlbezirk Brody und der dortigen Handelskammer zwei Abgeordnete, die Jahrzehnte lang dem Verband der Vereinigten deutschen Linken angehörten, obgleich diese die vitalsten Interessen ihres Heimatlandes Galizien nach Kräften zu schädigen und dessen materielle Entfaltung hintanzuhalten bestrebt war. Der unerschütterliche Glaube an die Heilskraft des Liberalismus beherrschte eben alles. In Wien gingen die Rechtgläubigen des Liberalismus unter den Juden in der Selbstverleugnug so weit, dass sie sich massenhaft taufen Hessen, um dadurch unwiderleglich zu bekunden, dass sie von ihrer Seite die Gleichheit der Konfessionen vollauf anerkennen. Ein Bekenntnis zum Katholizismus aus der liberalen Gesinnung heraus I Dieses Paradoxon, in Wien wurde es zur Wahrheit und ist es bis auf den heutigen Tag in noch erhöhtem Masse, geblieben. Nun wurde die ganze liberale Herrlichkeit wie ein Kartenhaus verweht. Im Wiener Gemeinderat herrschen die christlich-sozialen Antisemiten. An der Spitze des niederösterreichischen Landtages thront einer der verbissendsten Judenhasser, Prinz Alois Liechtenstein. Im Reichsrat sind sämtliche deutsche

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