Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1908-01-01 · Heft 1 (Januar 1908) · p. Seite 63 - 64

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 1 (Januar 1908)
Article
Die Israeliten in Bagdad
Date
1908-01-01
Page
Seite 63 - 64 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2583875-2583967-2583969-2597661--07973-2597734
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

63 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die Israeliten in Bagdad. 64 brachten. Kaum ist Marokko der europäischen Durchdringung erschlossen, und schon haben die Ba°:dader dort Handelshäuser gegründet. Die Alliance Israelite Universelle hat durch die Erteilung von Unterricht den Grundstein gelegt für den Wohlstand unter den Israeliten dieses Landes, die im Handel eine hervorragende Rolle spielen, sei es als selbständige Kaufleute, sei es als Angestellte bei jüdischen oder bei grossen musel manischen Geschäftshäusern. Der wachsende Wohlstand der Gemeinde tut sich auch darin kund, dass die bessergestellten israelitischen Familien in die bevorzugten Stadtviertel ziehen, wo sie Mietsbeträge von 1000—2O00 Fr. für geräumige Häuser entrichten. Zu glücklicher Stunde ist die Handwerkerschule hier von Ihnen eingerichtet worden, die den Zweck hat, die Kinder der Armen von den erniedrigenden und schlechtbezahlten Gewerben fernzuhalten, von deren Ertrag diese Bevölkerungsklasse früher nur hat vegetieren können, und durch die sie der Verachtung ihrer Mitbürger preisgegeben waren. Die Handwerkerschule hat, wie in anderen Städten der Türkei, Schwierigkeiten gefunden, die mit der wirtschaftlichen und politischen Lage des Landes zusammenhängen: Mangel an Industrie, beschränkte Zahl der Berufe, denen man Lehrlinge zuführen kann, Mangel an Abwanderungsgelegenheit und infolgedessen die Verpflichtung, die Zahl der „Hände" in gewissen handwerklichen Berufen nicht übergross werden zu lassen, endlich die Exklusivität der christlichen und muselmanischen Lehrherren, die sich vor dem jüdischen Wettbewerb fürchteten. Die Vertreter der Alliance in Bagdad hatten namentlich gegen den Fanatismus der Schiiten zu kämpfen, die die besten Berufe für sich beanspruchten. Manche von diesen Berufen sind trotz der Opfer, die Sie bewilligt haben, und trotz der praktischen Versuche, die die Leiter der hiesigen Allianceschulen durch Einrichtung von "Werkstätten unternommen haben, für unsere Glaubensgenossen noch nicht zugängig zu machen gewesen. Die erzielten Ergebnisse sind gleichwohl ermutigend. Vor der Errichtung unserer Handwerkerschule gab es in Bagdad kein ordentliches Handwerk, ausser dem Goldschmiedehand werk, das von Israeliten ausgeübt wurde. Heute sind in fast allen Handwerken Israeliten tätig. Ich habe eine Statistik über die Zahl der israelitischen Handwerker jeder Kategorie und über den ungefähren monatlichen Erwerb aufgestellt, die die Beschäftigung dem Lehrherrn und dem Arbeiter bringt. Ich muss der Mitteilung der Zahlen voraufschicken, dass das Leben in Bagdad wohl für den Fremden, den Europäer, teuer ist, der in dem Klima dieses Landes die zum Schutz seiner Gesundheit unerlässlichen Bequemlichkeiten mit Gold aufwiegen muss, dass aber der Eingeborene seine Bedürfnisse, die von patriarchalischer Einfachheit sind, mit sehr geringem Aufwand bestreiten kann. Der in nachstehender Rechnung erwähnte „gute Piaster" hat nach deutschem Gelde etwa 17 Pfg. Schneider...... Schuhmacher..... Tischler....... Schmiede...... Giesser . . ..... Kupferschmiede . . . . Buchdrucker . . . . Spinner....... Buchbinder...... Weber....... Anstreicher und Abputzer Polierer....... Hutbügler...... Fabrikanten von Quasten. Scherenschleifer . . . . Uhrmacher...... Friseure....... Goldschmiede, Meister und Arbeiter...... Zusammen; So Gute Piaster 25 4"0 100 250 70 3:>o 4 300 6 150 2 150 2 400 15 12d 15 120 10 i150 5 120 20!200 10 80 5 100 2 60 6.300 50 250 .Q i- < c £ £ * Gute Piaster 160;50 270!30 220!50 23 40 18120 12'25 12125 45 20 25130 35! 25 20:30 bis 100 „ 120 „ 120 „ 90 „ 70 „ 60 „ 200 60 „ 60 „ 70 n SO 60 20 10 1200 100 bis 500 SSi S^ü:?2| fc. <D 185 370 290 27 24 14 14 60 40 45 25 20 10 10 2 6 110 1200 2452 Sie sehen, dass gegenwärtig etwa 2500 Personen in Bagdad von ihrer Hände Arbeit leben. Eine grosse Zahl unter ihnen, die Schuhmacher, Schneider, Tischler, Schmiede, Weber, danken ihr Brot ausschliesslich den fortgesetzten Bemühungen der Alliance, den zahlreichen Opfern, die sie gebracht hat, um die erwähnten Berufe von unseren Glaubensgenossen erlernen zu lassen und sie unter ihnen zu verbreiten. Die materielle Hebung der G-emeinde ist ganz und gar das Werk der Alliance Israelite Universelle. Es muss übrigens hervorgehoben werden, dass die Bevölkerung einsichtsvoll und praktisch ist. Sobald sie den Nutzen des Unterrichts erkannt hatte, zeigte sie einen förmlichen Heisshunger nach Bildung. Demzufolge rausste in den letzten Jahren die Schulanstalt beträchtlich vergrössert werden. Es sind jetzt drei Knabenschulen und eine Mädchenschule vorhanden, auch diese drei genügen noch nicht dem Bedarf der Gemeinde, die über 40 000 Seelen zählt. Bemerkenswert ist, dass in Bagdad der reiche Mann nicht viel anders und bequemer lebt, als der arme. Sie ernähren sich einer wie der andere fast gleichmässig von Reis und Früchten. Durch diese Gleichheit in der Lebensführung mindert sich der Gegensatz zwischen Arm und Reich. Die Hälfte des Jahres lebt man hier im Freien, 7 Monate des Jahres schläft man auf den Terrassen oder in den Höfen. Diesem Schlaf unter dem Sternenzelt in einem Klima, das zu den trockensten der Erde gehört, ist es meiner Meinung nach zu danken, dass unsere Glaubensgenossen in Bagdad vor physischer Entartung bewahrt worden sind, von der sie durch die üblen Wohnungsverhältnisse, durch den Mangel an hygienischen Vorkehrungen und durch tausend andere Giünde bedroht wahren. Leider muss ich hinzufügen, dass die moralische

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.