Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1908)
- Article
- Aus der jüdischen Sagen- und Märchenwelt
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 41 - 42 (sequence 2)
- Language
- German
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41 Bar-Ami: Aus der jüdischen Sagen- und Märchenwelt. 42 ich werde deine Judengerichte essen, welche du dir vorbereitet? Das fällt mir garnicht ein. Du nmsst ein Kalb aus dem Stall holen und schlachten, ein grosses Feuer im Ofen anmachen, und deine Frau brät das Kalb, ich kaufe dir auch allen Schnaps und alles Bier ab, und wir machen uns hier ein schönes Gelage." Elieser wusste, dass den grossen Herren manchmal solche verrückte Launen in den Kopf kommen. Er antwortete: ,,Das kann ich nicht tun, denn es ist schon Abend, und am Sabbat ist es uns verboten, solche Arbeiten zu verrichten''. „So werde ich dich und dein Weib mit Gewalt dazu zwingen", erwiderte der Herr. Aber Elieser gab ihm zu verstehen, dass er sich vor solchen Sachen nicht fürchtete, und da verlegte sich der Herr — das war natürlich kein anderer als Satan in eigener Person — auf ein anderes Mittel. Er erklärte dem Schankwirt, dass er mit ihm ein grosses Geschäft machen wolle, wobei sehr viel Geld zu verdienen sei; er wolle ihm nicht nur alle seine Vorräte zu jedem Preise, den er verlange, abkaufen, sondern ihn zum Bevollmächtigten einsetzen, der für ihn, den Herrn nämlich, alles Getreide der ganzen Umgegend zusammenzukaufen hätte. Daran könne der Schankwirt grosse Reichtümer erwerben. Aber das Geschäft müsse noch heute Abend abgeschlossen werden, denn er, der Herr, müsse morgen mit dem frühesten seine Reise fortsetzen. Dann Hess er aus dem Wagen einen grossen Beutel voll Gold hervorholen und breitete den Inhalt vor Elieser aus, dass es diesem nur so vor den Augen funkelte. ..Greif zu, dummer Judu, rief der Herr, „das ist alles dein, wenn wir gleich das Geschäft abschliessen, und du mir noch heute ein recht grosses Festmahl bereitest." Mittlerweile war es schon spät geworden, die Frau hatte bereits die Sabbatlichter angezündet und Elieser fürchtete, dass ihn jetzt der Jezer-hara nicht übermanne und er sich vom Glänze des Goldes verleiten lasse, den Sabbat zu entweihen. Er wusste sich kein anderes Mittel, als die Gesänge zur Begrüssung des Sabbat anzustimmen, und sogleich fühlte er, dass er der Versuchung nicht erliegen würde. Er kehrte sieh nicht mehr an das glitzernde Gold und an dessen Eigentümer. Und als der fremde Herr das sah, packte er seine Dukaten zusammmen und zog ab. Im Himmel wurde Satan schön ausgalacht. Er aber sagte: „Das ist noch, nicht alles, ich will noch einmal hinunter und ihn versuchen, ob er wirklich so gutherzig und sanftmütig ist, wie gesagt wird". Diesmal jedoch erhob sich Eliah. der Prophet und kam Satan zuvor. Am nächsten Sabbat, just mitten am Tage, als Elieser in der Stube sass und in einem Buche las, öffnete sich die Tür und ein armer Wanderer trat hinein, den Stock in der Hand, das Bündel auf den Schultern. Elieser war erstaunt, aber der Fremde sagte: „Guten Sabbat!" und Elieser erwiderte den Gruss: „Guten Sabbat", Hess den Gast näher treten, half ihm sich bequem zu machen, reichte ihm Speise und Trank, und kümmmerte sich nicht im geringsten darum, dass jener durch die Verletzung des Sabbat eine so grosse Sünde auf sich geladen, gab auch mit keinem Worte seiner Verwunderung darüber zu erkennen, um den Armen nicht in Verlegenheit zu bringen. Zur Nacht bereitete er ihm ein Lager und am nächsten Mo'gen gab er ihm ein Almosen, geleitete ihn ein Stück Weges, wie Gott es befohlen. Und als er sich von dem Armen verabschieden wollte, erblickte er ihn plötzlich vor sich in ganz anderer Gestalt. Er sah einen Greis mit weissem langen Bart und ganz in weisse Gewänder gekleidet. Dieser sprach: „loh bin Eliah der Prophet, und ich bin gekommen, um dich zu versuchen, ob du auch an einem Sünder und Frevler Gastfreundschaft übest. Zum Lohn für deine Führung, wird dir das Höchste gegeben werden, das du dir wünschen kannst, ein Sohn, der die Augen von ganz Israel erleuchten wird." Nach einem Jahre gebar Eliesers Frau einen Sohn, der ist dann der Baal-Schnm geworden. Anmerkung: Diese wunderschöne Sage ist mir durch mündliche Qeberlieferung in einigen ganz unwesentlich von einander abweichenden Fassung«n bekannt geworden. In der chassidischen Literatur ist die Sage einmal im ,,RachamC av% dann in „Derech Haemunah'4 verzeichnet, doch in beiden auf die Hälfte reduziert und verstümmelt, so dass sie den Eindruck einer zerfetzten und vertrockneten Blume macht. Dort fehlt nämlich die Episode der Versuchung durch Satan, die offenbar ursprünglich den Hauptbestandteil bilden musste, sondern als Satan sich bereit erklärt, die Versuchung zu unternehmen, wird er gleich von Eliah beiseite geschoben. Doch ist die Versuchung von Rechtswegen das Amt Satans und nicht Eliahs. — Es sei noch bemerkt, class der Volksglaube, Satan erscheine als reicher Kunde am Freitagvorabend bei jüdischen Ladenbesitzern und Handwerkern, um sie durch grosse Bestellungen zur Entweihung des Sabbats zu verleiten, sehr verbreitet ist. nicht nur unter den polnischen, sondern auch unter den sephardischen Juden. Es existieren mehrere darauf bezügliche Sagen.