Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1908)
- Article
- In fremdem Spiegel
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 9 - 10 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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9 Lcctor: In fremdem Spiegel. 10 wa'"j* S. HIRSZENBERG Spinoza. OELGEMAELDE. genügt, die Namen Eucken, Sabatier und Balfour zu nennen, um sich zu vergegenwärtigen, bis zu welch hohen Regionen die Sehnsucht nach einer religiösen Synthese hinaufreicht. Freilich ist es nicht mehr wie vormals die rein theologisch-dogmatische Seite der Religion, sondern vielmehr das kulturhistorische und psychologische Element, ferner die ethische Frage, die die führenden Geister unserer Epoche beschäftigt. Und wenn es auch naturgemäss Theologen „von Fach" in erster Reihe sind, die sich an diesen Erörterungen beteiligen, so greifen diese gleichwohl auf alle Gebiete unseres modernen Lebens weit herüber und sind daher von jedem, der dieses Leben mitlebt, von garnicht zu unterschätzender Bedeutung. Es hätte nicht mit rechten Dingen zugehen müssen, wenn in diesen Erörterungen das Judentum, seine Urschriften, seine Morallehre, seine welthistorische Bedeutung nicht eine besonders hervorragende Rolle spielen sollte. Wo immer man die religiöse Frage, wie sie in das Kulturleben der Gegenwart hineinragt, anfassen mag, alsogleich stösst man auf den einen oder den andern Punkt, bei dessen Verfolgung man aut die jüdische Wurzel zurückgeführt wird und genötigt ist, sich mit dem Judentum auseinanderzusetzen. Nun bringt man von nichtjüdischer Seite bei diesen Auseinandersetzungen zunächst lange l.icht die genügenden Kenntnisse und schon gar äusserst selten die seelische VerWandlungsfähigkeit mit, die es allein ermöglichen, sich mit liebevollem Verständnis in entlegene und fremdartige Seelenzustände zu versenken und die aus ihnen erwachsenen Schöpfungen zu begreifen. Aber ein noch viel grösseres Hindernis für das Verstehen und die gerechte Würdigung der Rolle des Judentums in der religiösen Entwicklung der Menschheit bildet der Umstand — dass man ihm so unendlich viel, ja nicht viel weniger als alles, verdankt. Im Leben der Individuen wie im Leben der Völker gilt der Satz: Hast du einmal etwas wahrhaft Grosses vollbracht, so trachte nach der Weltherrschaft — oder lass dich rasch begraben. Weh dem, der keine gebietende Stellung errungen, sondern den Faden des Lebens ruhig und unbehelligt weiter spinnen will — doppelt wehe, wenn er dies unter Not, Ver-