Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1908)
- Article
- Das Jahr 1907
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 7 - 8 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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M. A. Klausner: Das Jahr 1907. drang sich anschloss, war nicht zu verhüten. Hier ist es die Jewish Colonisation Association gewesen, die mit unvergleichlicher Freigebigkeit das gesamte Auswanderungswerk organisierte und auf ihre Kosten übernahm. Es darf auch nicht verschwiegen werden, dass die europäischen Regierungen sich willfährig erwiesen, die eindringlichen Vorstellungen der Hilfsorganisationen nachdrücklich zu unterstützen. Kennzeichnend für die rumänische Politik und für die rumänischen Politiker ist es, dass der Minister des Jnnern in Bukarest, Herr Bratiano, den Versuch machte, die jüdischen Hilfsorganisationen von einem Appell an die Signatarmächte des Berliner Vertrages zurückzuhalten, indem er in sichere Aussicht stellte, dass ein solches Vorgehen die nationalen Leidenschaften gegen die Juden Rumäniens entflammen würde. Die Alliance Israelite Universelle und ihre Schwesterinstitute waren nicht naiv genug, sich von dem rumänischen Minister des Innern Direktiven zu holen oder sie von ihm anzunehmen. Ein talmudischer Spruch sagt: „Fällt der Stein auf den Topf — wehe dem Topf; fällt der Topf auf den Stein — wehe dem Topf; unter allen Umständen: wehe dem Topf!" — Unsere Glaubensgenossen in Marokko sind bei jedem Streit, der sich dort erhebt, in der Lage des Topfes. Mag die Ursache des Konfliktes von Europa, mag sie von den Arabern ausgehen — der erste und sicherste Stoss trifft unfehlbar die Juden von Marokko. In Casablanca und in anderen Städten Marokkos ist im vergangenen Jahre diese Erfahrung erneuert worden. Der Besetzung von Casablanca durch die französischen Truppen ging ein Angriff der Araber auf die Juden von Casablanca vorauf. Die dortige Gemeinde, die 6000 Seelen zählt, wurde fast vollständig versprengt, ein grosser Teil, namentlich von Frauen, in die Gefangenschaft geführt. Nachdem die französischen Truppen eingerückt waren, hörte natürlich die Verfolgung auf. Doch der Schaden war angerichtet, und ein Teil dieses Schadens ist nicht wieder gutzumachen. Auch hier hat die Alliance Israelitc Universelle, die in Marokko zahheiche Schulen unterhält, an jedem grösseren Platz über zuverlässige Vertrauensmänner verfügt, ohne jeden^Verzug das erforderliche und alles irgend mögliche getan, um Wunden zu heilen. Die Gefangenen wurden freigekauft, die Armen wurden mit Nahrung und Obdach versehen; es wurde dafür gesorgt, dass die Versprengten in ihre Gemeinden zurückkehren konnten und dort Sicherheit genossen. Die Aufwendungen hierzu sind aus den Mitteln der Alliance Israelite Universelle genommen worden. Einen Beitrag hat auch der Hilfs verein der deutschen Juden in Höhe von 25 000 Franks geleistet. Eine Erschwerung der Auswanderung aus dem Osten, die man schon im vergangenen Jahr für Amerika und für England befürchtete, ist rieht eingetreten. Eine Kommission zur Untersuchung der Verhältnisse, die zur Auswanderung im Osten Europas führen, war von Amerika ausgeschickt worden. In Rumänien und in Russland haben die Vertrauensmänner der Alliance Israelite Universelle den Mitgliedern jener Kommission als Führer gedient. Noch ist nicht ausgeschlossen, dass die Auswanderungsgesetze in Amerika eine Verschärfungerfahren. Doch bleibt einstweilen die Hoffnung, dass die Erhebungen der amerikanischen Kommission bei deren Mitgliedern die Ueberzeugung geweckt haben, dass es den Grundsätzen der Menschlichkeit, die in Amerika allezeit Pflege gefunden haben, nicht entsprechen würde, einzig wirtschaftliche Rücksichten da gelten zu lassen, wo es sich für Amerika darum handelt, wieder einmal sich als den Hort der Freiheit und Humanität zu erweisen. — Wir aber gedenken bei der Jahreswende unseres täglichen Gebets: Gott lasse sein Antlitz über uns leuchten und gewähre uns Frieden! IN FREMDEM SPIEGEL Ist das Zeitalter der Religionsdisputationen wiedergekommen? Es scheint so, namentlich wenn man die bedeutende Anzahl polemischer Schriften über religiöse Fragen sieht, die in den letzten Jahren erschienen sind und unter denen viele, rein als geistige Leistung betrachtet, in den allerersten Rang gehören und Zeugnis dafür ablegeu, dass in unserer als materialistisch und utilitaristisch ver- Nachdruck verboten. schrieenen Zeit einige der höchstkultivierten, umfassendsten und tiefsten Geister mit dem von eiuigen oberflächlichen Köpfen als überwunden bezeichneten religiösen Problem ringen uud nach Klarheit und Frieden lechzen auf einem Gebiete, welches nach der Meinung jedes an Büchners „Kraft und Stoff*' ausgebildeten Ladenschwengels alle Aufgeklärte sorgfältig meiden müssten. Es