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Ost und West · 1908-01-01 · Heft 1 (Januar 1908) · p. Seite 3 - 4

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Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 1 (Januar 1908)
Article
Das Jahr 1907
Date
1908-01-01
Page
Seite 3 - 4 (sequence 2)
Language
German
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3 M. A. Klausner: Das Jahr 1907. 4 Russland, unser Egypten von heute, hat auch im vergangenen Jahre nicht aufgehört, die Zahl unserer Märtyrer zu mehren. Die dortige Regierung — die wirkliche wie die Titularregierung, die Regierung, die die Macht in blutigen Händen hält, wie die, die bloss mit den äusseren Zeichen der Macht geschmückt ist — beharrt dabei, ihr Unvermögen zur Ueberwindung des inneren Feindes dadurch zu verdecken, dass sie die Juden als Prügelknaben behandelt. Ein Anarchist wirft eine Bombe, ein Revolutionär tötet einen Beamten, und der „Verband der echt russischen Leute" überfällt mit Knütteln und Dolchen den jüdischen Bevölkerungsteil, der sich nicht zur Wehr setzen darf, ohne noch schlimmere Gefährdung für sich heraufzubeschwören. Genau so verfuhren die aufständischen Neger in Domingo, die zur Ermordung der Weissen aufforderten und die Weissen umbrachten, weil die Weissen Christus getötet hätten. Auf dieser Negerlogik beruht die gegenwärtige innere Politik Russlands. Diese Negerlogik wird sogar noch überboten. Gewiss fehlt es unter den russischen Revolutionären nicht an Juden. Es wäre wider alle Natur, wenn es anders wäre. Doch einzig in Russland ist es heute noch möglich, dass man von Verwaltungswegen mit unverkennbarer Billigung einem unkontrollierbaren Haufen die Ausübung einer Lynchjustiz überlässt, die sich eingestandenermassen nicht gegen die Schuldigen, sondern gegen Unbeteiligte wendet, bloss weil beweislos präsumiert wird, dass die Unbeteiligten und die Schuldigen desselben Glaubens sind. Freilich hat die russische Gesetzgebung schon in ruhigen Zeiten solcher Verirrung vorgearbeitet. Ist es doch in Russland von alters her Rechtens gewesen, dass für die wirkliche oder vermeintliche Verfehlung eines einzelnen Juden in erster Reihe dessen Familie, sodann die Gemeinde zu büssen hatte. Selbstverständlich hat die Ausweitung dieser herkömmlichen russischen Regierungsmaxime dazu dienen müssen, der russischen Polizei neue Einnahmequellen zu eröffnen. Wir kennen aus unserer Geschichte den „Schutzjuden" auch in Deutschland. Der Jude hatte bei uns eine Abgabe zu entrichten für den Schutz, den er von Staat und Stadt genoss, und der ihm zwar nicht Sicherheit und Freiheit, aber die Möglichkeit des Atmens verbürgte, und mit einigem Nachdruck hinderte, dass ihn erschlagen durfte, wer ihm begegnete. In Russland ist jetzt der Jude darauf angewiesen, dass er ein privates Abkommen mit der Polizei trifft, um nicht dem Dnlch jedes Strassenräubers preisgegeben zu sein. In Russland fand solche Rückkehr zu mittelalterlichen Institutionen gebahnte Wege. Es muss anerkannt werden, dass das Auskunftsmittel seinen Zweck erfüllt hat. Allerdings nur in mässigen Grenzen. Damit der „Schutz" seinen Wert behalte, musste der Schrecken anhaltend genährt werden, durfte die Furcht nicht verschwinden. In Odessa haben wir das typische Beispiel. Hier geht das Gespenst des „Pogrom" fortwährend um und erhält die Neigung zu „freiwilligen" Abgaben. Die Staatsgewalt tut nichts, diesem Unfug abzuhelfen, nicht weil sie dazu ausserstande ist, sondern weil sie nicht will. Es ist nicht ausgeschlossen, dass besonders feine Köpfe unter den russischen Politikern ein Eingreifen zur Herstellung der öffentlichen Sicherheit dem Zeitpunkt vorbehalten, der dem notwendigen Abschluss einer neuen Anleihe voraufgeht. In Rumänien hat das vergangene Frühjahr einen Bauernaufstand gesehen, der eine Folge unerträglichen, auf die Landbevölkerung ausgeübten Druckes war. Die rumänischen Bojaren hielten es für klug, zur Rettung ihres Ansehens in Europa das Märchen zu verbreiten, dass der Aufstand gegen die Juden gerichtet sei. Die Unwahrheit war insofern nicht ungeschickt erfunden, als in Rumänien Judenverfolgungen keine ganz ungewöhnliche Erscheinung sind. Dem Kenner der Verhältnisse musste aber von vornherein auffallen, dass der Aufstand in einem Landesteil ausgebrochen war, in dem es jüdische Bewohner ausserhalb der Städte überhaupt nicht gibt. Auch war die Geflissentlichkeit verdächtig, mit der die Bojaren jenes Gerücht verbreiteten, während sie doch sonst Judenverfolgungen unbedingt in Abrede zu stellen liebten. So wurde denn schnell genug ermittelt, dass der Bauernaufstand nur Zeugnis ablegte von der allgemeinen bojarischen Misswirtschaft. Fieilich gelang es den Führern der rumänischen Parteien, auch in den Landesteilen, die sonst einen Aufstand nicht gesehen hätten, Unruhen hervorzurufen und die Bevölkerung gegen die Israeliten aufzuhetzen. In aller Oeffentlichkeit wurden private und selbst beamtete Personen mit dem Auftrag versehen, von Ort zu Ort Judenverfolgung zu predigen. Selbstverständlich konnten diese Bemühungen auf wohlvorbereitetem Boden nicht ganz vergeblich sein. Aber die versuchte Ablenkung gelang nicht völlig; die aufgereizte Menge wendete sich gegen die Grundherren mehr n>ch als gegen die Juden, und nun musste die Regierung ihr eigenes Werk mit Gewalt hintertreiben. Ehe das geschah, war schon

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