Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1916)
- Date
- 1916-10-01
- Page
- None (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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osiagfesT: ILLUSTRIERTE MONATSSCHRIFT^/ FÜR DAS GESAMTE JUDENTUM. Herausgegeben >und redigiert LEO WINZ. Alle Rechte vorbehalten. Heft 10/11. Oktober-November 1916. XVI. Jahrs. DIE LEHREN DER JUEDISCHEN GESCHICHTE UND DIE ERFAHRUNGEN DER GEGENWART. Von Rabbiner Dr. Max Eschelbacher-Düsseldorf. In Gottes Augen sind tausend Jahre wie der gestrige Tag. Sein Blick umfaßt alles, was je war; was ist und was sein wird wie ein einziges, ewiges Geschehen. Gott ist ewig. Aber der Mensch schaut während seines kurzen und eng begrenzten Lebens nur die Bruchstücke und die Trümmer, die der Strom der Zeit vorüber treibt. Lebendig ist uns nur die Gegenwart. Die Zukunft erscheint erst als dämmernde Ahnung, die Vergangenheit verblaßt zum Schatten, und das längst Geschehene wird Mumie und toter Bericht. Aber der Krieg legt die Wurzeln bloß, aus denen alle menschliche Geschichte von jeher hervorwuchs. Wir verspüren in unserem gefährdeten Leben und in dem drohenden Schicksal die erschütternden Kräfte, die von Ewigkeit zu ■ Ewigkeit die Staaten schaffen und zerstören. Nicht mehr beirrt uns die Fremdheit entlegener Zeiten und Kulturen, ferner Geschlechter und Rassen. Die Trennung ist wie ein Schleier, der herabsinkt. Unverhüllt können sich nun die ewigen Gesetze offenbare^ denen nach Gottes unverbrüchlicher Ordnung die Welt gehorcht. Auch im Reiche der Geschichte ,,erneuert Gott an jedem Tage die Schöpfung der Weif. Im Kriege aber werden wir pochenden Herzens die mithandelnden, die mitleidenden Zeugen seines Waltens. Jetzt sehen die Blinden und die Tauben hören. Wir betrachten die Vergangenheit mit neuen Blicken. Die Verstummte bricht ihr Schweigen. Erstorbene Jahrhunderte werden lebendig und reden mit uns, über die Kluft von Jahrtausenden, in der Sprache, die unsere Seele versteht. Die tiefsten Quellen unseres Wesens, die Grundlagen unseres ganzen äußeren und inneren Seins erleben wir jetzt erschüttert und hingerissen. Vorher hatten wir davon mehr gehört, geredet, gelesen. Und so feiert denn auch unsere jüdische Geschichte ihre Wiedergeburt in uns selber. Nun ist sie uns nicht länger ein Gegenstand der Gelehrsamkeit und wird uns nicht erst durch Grübeln deutlich. Heute erkennen wir in den Taten und den Leiden unserer Vorfahren unsere eigene Geschichte, aus Zeiten, die wir noch nicht selber miterleben konnten. Derselbe Pulsschlag kreist in der Heiligen Schrift und in unseren eigenen großen Tagen. Alles Lebendige muß sich im Kriege bewähren. Mose ist nicht nur der erste Verkünder unserer Religion, nicht nur der Träger der Offenbarung und der große Gesetzgeber, sondern er führt auch die Heere seines Volkes und ist sein erster Feldherr. Der Kampf des begeisterten, vom Geist durchlebten Menschen gegen die große Zahl und die bloße Masse hat in dem Bilde von David und Goliath sein Symbol gefunden. Ob ein Heiligtum wirklich noch heilig ist, ob nicht vielleicht das Ideal zum Idol geworden ist und der Gott zum Götzen, erweist sich vor allem in der schweren Prüfung des Krieges. Er spricht das Urteil. Deshalb fiel die Bundeslade in die Hand der Philister. Denn aus einer Hülle für die steinernen Tafeln war sie zu einem Amulett herabgekommen. Aber gerade in der schwersten Kriegsnot offenbart sich auch jene Treue, die die Jahrhunderte überdauert und die mehr ist, als das bloße Durchhalten