Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1916)
- Article
- Zum Charakterbilde Moritz Steinschneiders
- Date
- 1916-08-01
- Page
- Seite 351 - 352 (sequence 2)
- Language
- German
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351 Zum Charakterbilde Steinschneiders. 352 äußern, geschweige denn dem ausgezeichneten Forscher deswegen einen Vorwurf zu machen. Wozu und wem sollen überhaupt derartige Erörterungen dienen? Mit Recht würde Herr Geiger protestieren, wollte jemand etwa das Honorar, das der Postbote ihm für das kurze und gewiß ohne Mühe verfaßte „Gedenkblatt4' ins Haus gebracht haben mag, mit den materiellen Erträgen vielmonate- oder jahrelanger Steinschneiderscher Arbeiten vergleichen und nun hieraus irgendwelche Schlüsse in bezug auf die Sinnesart des einen und des anderen ziehen. Liegen positive Unterlagen über die Honorareinnahmen eines Schriftstellers vor, so werden Mitteilungen daraus vielfach eines gewissen kulturhistorischen Wertes nicht entbehren, aber entschieden zu verurteilen ist es, wenn aus vagen oder sogar aus offenbar unzutreffenden Voraussetzungen derartige bedenkliche Schlüsse, wie hier, gezogen werden. Handelt es sich zudem um einen verehrungswürdigen Toten, so erscheint es Pflichtsache, gegen solche Verunglimpfung aufzutreten. In ganz besonders bedenklichem Lichte erscheint aber der zitierte Passus des Geigerschen ,, Gedenkblattes" aus folgendem Grunde: Die „jüdischen Zeitschriften", wie es dort heißt, denen Steinschneider nach Herrn Geigers Ansicht seine grundgelehrten Arbeiten ohne oder gegen sehr geringes Honorar hätte überlassen sollen, können keine anderen sein als die „Zeitschrift für Geschichte der Juden in Deutschland" und die „Allgemeine Zeitung des Judentums", denen beiden Herr Geiger als Mitarbeiter und Herausgeber seit langem nahestand bzw. steht. Herr Geiger findet es also angemessen, dem verdienstvollen verstorbenen Gelehrten nach einem Leben voller Müh' und Arbeit einen Makel anzuhängen deswegen, weil Steinschneider seine wissenschaftlichen Arbeiten nicht jenen mit Herrn Geiger eng liierten Blättern ganz oder nahezu unentgeltlich überließ, sondern sie dort veröffentlichte, wo sie ihrem ganzen Charakter nach in erster Linie hingehörten. Wenn Steinschneider über arabische und jüdische Aerzte in Virchows „Archiv" schrieb, oder wenn er seine Abhandlung über die mathematischen Leistungen und Schriften Abrahams ibn Esra in einem speziellen Organ für Geschichte der Mathematik veröffentlichte, so kann niemand leugnen, daß diese Arbeiten so diejenigen Kreise, für die sie in erster Linie oder allein in :Betracht kamen, die Fachgelehrten nämlich, sehr viel besser erreichten," als in den von Herrn Geiger empfohlenen Blättern. In solchen fachwissenschaftlichen Zeitschriften als Autor aufzutreten, hatte Steinschneider um so mehr das Recht, als er nicht bloß der große Bibliograph und Sprachforscher war, sondern — wenigstens so weit ich zu urteilen vermag — auch einen wohltuenden, bei Sprachgelehrten keineswegs sehr häufigen Sachverstand zeigte. Aber selbst wenn Steinschneider seine Publikationsstellen recht ungeeignet gewählt hätte, würden wir berechtigt sein, ihm Vorwürfe zu machen, weil er für sich das Recht in Anspruch nahm, über seine Arbeiten, die Kinder seines Geistes, die Früchte seiner arbeitsreichen Tage und Nächte, nach eigenem Ermessen zu verfügen? Freilich, die Ansicht Steinschneiders, die Wissenschaft des Judentums gehöre nicht ins Ghetto, sondern müsse als gleichberechtigte Schwester neben und unter anderen Wissenschaften leben, verzeichnet auch Herr Geiger selbst in dem nachfolgenden Satze, und nur um so unbegreiflicher und unberechtigter erscheint demgegenüber der erhobene Vorwurf. Daß übrigens Herr Geiger sich durchaus bewußt war, mit jenen Worten einen Vorwurf auszusprechen, darüber läßt ja der (hier wiedergegebene) Zwischensatz: „ohne ihm irgendwie zunahe zu treten", keinen Zweifel. Während Herr Geiger dem ausgezeichneten Gelehrten selbst ein schweres Unrecht zufügt, glaubt er ihn andererseits gegen Unterschätzung oder Vernachlässigung von anderer Seite in Schutz nehmen zu sollen. Mit strengen und vorwurfsvollen Mienen bemerkt er in seiner „AÜg. Zeitung des Judentums": „Die ,Allgemeine Deutsche Biographie4 enthält Steinschneiders Namen nicht." Die Lösung des Rätsels ist die denkbar einfachste : Die „Allgemeine Deutsche Biographie" ist ein abgeschlossenes Unternehmen,, das auch äußerlich, durch einen Registerband, einen Abschluß erhalten hat; programmäßig hat sie nur solche Personen berücksichtigt, die die Morgenröte unseres jungen Jahrhunderts nicht mehr sahen; Steinschneider ist aber bekanntlich im Jahre 1907 gestorben und konnte daher in der „Allgemeinen Deutschen Biographie" nicht mehr Aufnahme finden. Dagegen bringt Anton Bettelheims „Biograph. Jahrbuch"» das für die neueste Zeit einen gewissen Ersatz für die „Allgem. Deutsche Biographie" bildet, eine sehr sympathisch gehaltene und offenbar sehr sachkundige Biographie Steinschneiders aus der Feder von J. Pollak (Bd. XII, p. 171—175), wobei zu bemerken ist, daß dieses Unternehmen — im Gegensatz zur „Allg. Deutsch. Biogr." — im allgemeinen nur wirklich hervorragenden Männern besondere Biographien widmet*). Auch dieser Artikel Pollaks ist übrigens geeignet, unseren obigen Ausführungen als Stütze zu dienen. So sind dort beispielsweise die zahlreichen Bücherbesprechungen erwähnt, die Steinschneider verfaßt hat, und als hauptsächliche Publikationsstelle hierfür ist eine Literaturzeitung genannt, die allen Honorarzahlungen durchaus abhold ist. Ein Zweites: Sein Lebenswerk: „Die hebräischen Uebersetzungen des Mittelalters und die Juden als Dolmetscher" (1893, 2 Bände) mußte Steinschneider auf eigene Kosten herstellen lassen, und ermöglicht wurde ihm diese Herausgabe erst dadurch, daß die Academie des Inscriptions das Werk mit einem Preise krönte. Den Preis, der doch als Ehrengabe für die bedeutende wissenschaftliche Leistung gedacht war, verwandte der Preisgekrönte also zur Bestreitung der Druckkosten: „merkantilen Geistes", wie er nun einmal ohne Frage war, wandelte er die ihmi persönlich bestimmte Ehrengabe sogleich in ein Geschenk für die Wissenschaft um und überreichte ihr sein Werk. *) Auch die sonstige biographische Literatur über Steinschneider ist dort zusammengestellt; ich beschränke mich auf folgende Angaben: ,,The Jewish Encyclopedia," vol. XI, 1897, p. 545 ff.: „Ost und West,M 1906, Sp. 261 ff.; „Festschrift zum 80. Geburtstage M. Steinschneiders," 1896.