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Ost und West · 1916-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1916) · p. None

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Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1916)
Date
1916-08-01
Page
None (sequence 1)
Language
German
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Herausgegeben und redigiert LEO WINZ. Alle Rechte vorbehalten. Heft 8/9. August — September 1916. XVI. Jahrg. POLITIK UND MORAL Ii. Interessant ist es, daß, während man den Staat in seinem politischen Handeln von jeder moralischen Verpflichtung freispricht, man ihm andererseits Aktionen von höchstem ethischen Rang zuschreibt, die eben derselben Idee der Hingabe und Aufopferung entspringen, welche dem Staat, nach der Theorie, völlig fremd sein soll. Rußland führt bekanntlich seit jeher alle seine Kriege lediglich, um die kleinen Balkanstaaten zu befreien, in früheren Zeiten vom Joche der Türkei, in der Gegenwart von der drückenden Knechtschaft Oesterreichs. Die ganze auswärtige Politik Rußlands ist überhaupt ein Ausbund edelster Uneigennützigkeit und Selbstlosigkeit — das verkündeten alle Wortführer des' Zarismus, die Panslawisten, Dostojewski, die heutigen Nationalisten und sogar die Liberalen, kurz, (alle Politiker und Publizisten, von den offiziellen Persönlichkeiten ganz zu schweigen. In dem jetzigen Kriege streitet Rußland überdies, wie allgemein bekannt, für Kultur, Freiheit,, Humanität und Fortschritt gegen die deutschen und österreichischen Barbaren. Nicht anders verhält es sich mit England. Dieses verteidigt jetzt bekanntlich nur die Freiheit der kleinen Völker und Staaten wie Belgien, Serbien, Montenegro und — Griechenland; England opfert sich überhaupt für die Menschheit, es trägt die ganzie Last der weißen Rasse (the bürden of the white man) auf seinen Schultern über die ganze Welt. Im gegenwärtigen Kriege tut es noch ein übriges, indem es sich opfert, um Deutschland selber, das feindlidhe, verhaßte Deutschland, zu befreien, nämlich vom Joche des preußischen Militarismus. Höher kann die Feindesliebe und der Altruismus nidht gehen. Die Deutschen haben allerdings im Verlaufe ihrer ganzen Geschichte bewiesen, daß sie imstande sind, sich von allem, was sie bedrückt, selber zu befreien, und es nicht für nötig halten, fremde Hilfe herbeizurufen. Allein, in den Engländern ist der Befreierdrang so groß, daß ihr Gewissen sie nicht schlafen läßt, Wenn sie nicht dabei sind, wo etwas Befreiungsbedürftiges nach Erlösung ringt. Und im Verlaufe dieser mehrhundertjährigen Befreierpraxis hat dieser -Instinkt sich bei den Engländern so verfeinert, daß er die Freiheitsnot und das Erlösungsbedürfnis auch dort wittert, wo die Opfer keine Ahnung haben, daß sie unter schwerem Joch seufzen, wie dies bei den Deutschen dem preußischen Militarismus gegenüber der Fall ist. England und Rußland, die beiden; größten Staaten der modernen Welt, üben also eine Askese und einen Altruismus, wie sie nur die als Verkörperung der Hingabe und der Nächstenliebe voranleuchtenden Einzelmenschen praktiziert haben. Man hat gesagt, die Heuchelei sei der unfreiwillige Tribut, den das Laster der Tugend zolle. Wir hätten also hier von russischer und englischer Seite eine unwillkürliche Verleugnung der Lehre von der Moralfreiheit des Staates. Ans Drollige grenzt es aber, wenn die Staaten, welche für sich praktisch das Privilegium; des vollständigen Amoralismus in Anspruch nehmen, von anderen, kleineren und schwächeren, eine Tugend fordern, die zwar nicht zu den höchsten zählt, aber nur auf dem Boden der individuellen Moral erblüht ist: die Dankbarkeit. Als das vom Türkenjoche durch Rußland „befreite" Bulgarien den Versuch machte, nach eigenem Gutdünken zu leben und sich zu entwickeln, also von der ihm großmütig erkämpften Freiheit den einzig vernünftigen Gebrauch zu machen, eilte der Befreier herbei und drohte, es zu zerschmettern; nur dank besonders

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