Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni-Juli 1916)
- Article
- Kriegsliteratur [Rezension]
- Date
- 1916-06-01
- Page
- Seite 281 - 282 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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281 Kriegsliteratur. 282 besonders interessieren, zumal jetzt, da die Ereignisse im heiligen Lande die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Angenehm berührt die warme Sympathie, mit der Paquet von der jüdischen Kolonisation spricht; er gehört nicht zu jenen, die den Juden ein Fleckchen Erde im Lande ihrer Väter (mißgönnen. (Erst vor kurzem lasen wir in dem1 frommen „Boten aus1 Zion" gehässige Ausfälle (schlimmster Art gegen die Juden, die jetzt dort so schwere Not leiden. Daß ihre Glaubensgenossen aus Amerika ihnen Geld schicken, wird ihnen als furchtbares Verbrechen angerechnet. „Ein amerikanisches Schiff mußte eigens nach Palästina kommen, um ihnen Nahrungsmittel zu bringen," ruft das Blatt schmerzbewegt aus. Es bricht einem das Herz, wenn man die Qualen dieses armen SchiffesJ bedenkt, welches die unseligen Juden gezwungen haben, den weiten Weg von Newyork nach Jiaffa zu segeln und /allerlei Cerealien hinzubrinj jgen — von denen die nicht jüdische Bevölkerung ihr wohlgemessenes Teil erhalten hat.) Paquet dagegen gönnt den jüdischen Kolonien neben den deutschen das beste Gedeihen. Er wiederholt die Voraussage, die wir schon öfter gehört haben, daß die Zukunft in Palästina, sowohl die wirtschaftliche, als in einem gewissen Sinne auch die der Verwaltung, den Juden gehöre. Seltsam mutet nur die Bemerkung an, daß „der Charakter der jüdischen Rasse so stark auf Erwerb und Besitz gerichtet" sei, zumal angesichts dieses grauenhaften Krieges, der ein Krieg um materiellen Besitz ist, wie nur wenige vor ihm. Wo Paquet die Ideologie und die Romantik des Zionismus zu deuten beginnt, geht er ganz in die Irre. So behauptet er, daß „mit dem Streben nach nationaler Erneuerung ein Suchen nach einem religiösen Grundgedanken4' bei den Juden sich verbinde. Das ist höchst merkwürdig. Es gibt innerhalb des Judentums nirgends ein Suchen nach einem religiösen Grundgedanken. „•Mit der Idee des! Judentums ist «der religiöse Grundgedanke überhaupt" für alle Juden bereits gegeben . . . ., nicht nur „für manche'', wie Paquet meint. Es gibt im Judentum verschiedene religiöse Richtungen, wie das stets der Fall gewesen, aber es gibt keine, die nach einem religiösen Grundgedanken erst suchen müßte. Uns Juden ist auch nichts davon bekannt, daß „an Stelle Herzls und seiner Schule Philosophen und Religiöse die eigentlichen Führer des1 Zionismus geworden" wären Joder gar, daßunter ihnen eine Sehnsucht bestünde, im Christentum aufzugehen. Seit jeher haben alle jene Kreise, „jüdische*' wie christliche, die die Propaganda des1 Abfalls vom Judentum und die Uebertrerung zum Christentum unter den Juden zu betreiben sich alle Mühe geben, die palästinensischen und zionistischen Bestrebungen zu diesem missionarischen Zwecke zu mißbrauchen gesucht, aber immer und überall war der Erfolg gleich Null. Paquet konstatiert, daß „Martin Buber, der durch seine „Drei Reden'* einer der Wortführer des Zionismus geworden ist, an bedeutender Stelle sagt, daß „dem Judentum die Umkehr nottue." „Diese Umkehr aber liegt für ihn und andere in einer Annäherung an den christlichen Gedanken." Wir Juden haben nichts davon bemerkt, daß in ernsten Kreisen unter uns sich ein Drang nach Umkehr in dem Sinne einer religiösen Annäherung an den ^christlichen Gedanken", deutlich gesprochen: in dem Sinne von Miassentaufen, fühlbar gemacht hätte. Gewiß, es' gibt zahlreiche Fälle von Abtriiinnigkeit, aber wir wüßten nicht, daß wirkliche, ungeheuchelte religiöse Motive dabei im Spiele wären. Es sind durchwegs sehr greifbare soziale oder wirtschaftliche Gründe, die jedesmal den Ausschlag geben. Der Verfasser als eifriger Christ hegt natürlich den lebhaften Wunsch, daß (das Christentum sich unter den Juden ausbreite, und dieser Wunsch wurde bei ihm zum Vater der Vermutung, daß die christianisierende Bewegung, die er meint, ernst zu nehmen sei. Paquet hat wohl selber nicht ttie leiseste Ahnung, wie sehr er recht hat, wenn er 'die Führet dieser (natürlich ganz abseits und ohne jeden Einfluß dahinfließenden) Bewegung als „Am-Haarez" bezeichnet. Von altersher gab es im Judentum einen Kampf zwischen dem Am-Haarez und dem Talmid-Chacham. Aber wenn Paquet hofft: „diesmal werden die Am Haarez siegen", so ist dies sicher ein arger Irrtum. Wahr ist es', daß der Am-Haarez diesmal sich unter uns sehr breit macht; wir haben eine richtige „Amerazokratie", eine immer mehr anschwellende Amerazim-Literatur, aber diese haben bisher keinen tiefergehenden, dauernden Einfluß ausgeübt, und dabei wird es wohl auch weiterhin bleiben. Die großen Missionsgesellschaften in London •und Berlin pflegten für den Seelenfang unter den Juden Individuen abzurichten, die sie unter djen ,:,Gelehrten" anwarben. Das waren entgleiste, haltlose, oder irregewordene, enttäuschte und verbitterte Menschen. Und trotz der „Gelehrsamkeit" der Werber ist der Erfolg jämmerlich gelring. Man hat ausgerechnet, daß, jeder von den Missionaren „bekehrte" Jude so viel kostete, daß man um diesen Preis eine ganze Gemeinde;Christgeborener zum — Christentum bekehren könnte, was nur zu häufig dringend nottäte und gar nicht so leicht sein soll. Es wirkt rührend und komisch zugleich, wenn man in den Berichten der M'issionsgesellschaften bewegliche Klagen liest, daß die immerhin häufigen jüdischen Täuflinge die Missionsstationen fast nie in Anspruch nehmen. Diese Leute werden offenbar durch einen Rest von Scham 'und Ehrlichkeit davon abgehalten, der Welt vorzuspiegeln, daß sie diesen Schritt aus anderen als rein jäußerlichen Motiven unternehmen. Wenn gar die „Amerazim" zu uns kommen und uns! beweisen wollen, daß die jüdische Religion sich überlebt habe und wir einen neuen religiösen Grandgedanken benötigen; wenn die Analphabeten in hebraicis1 'und Ignoranten in jüdischen Dingen uns die „Umkehr" predigen und die Annäherung an den „christlichen Gedanken"1, so wirken sie erheiternd und verfallen dem Fluch der Lächerlichkeit. Die christlichen Kreise, welche in ihnen Bundesgenossen sehen, sie protegieren und fördern und ihnen Mittel zur ^Verfügung stellen, in der Hoffnung, durch sie Zersetzung und Demoralisation in die Reihen der Juden zu tragen und den Abfall von der jüdischen Religion zu steigern, werden eine bittere Enttäuschung erleben.