Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni-Juli 1916)
- Article
- Schalom Alechem
- Date
- 1916-06-01
- Page
- Seite 275 - 276 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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275 Schalom Mechern. 276 SCHALOM ALECHEM. Der in New York am 13. Mai verstorbene unter dem obenstehenden jovial * populären Pseudonym bekannte jüdische Humorist Salomon Rabbinowitsch war eine der volkstümlichsten Figuren der jüdischen Literatur. Diese Popularität verdankte er aber nicht seinen besten Schöpfungen, die ihn über* dauern werden, sondern der großen Fülle seiner breitausgesponnenen Erzählungen und Schilderungen, die mehr den Charakter von gemütlicher Plauderei tragen und dem Geschmack sowie der Bescheiden* heit der geistigen Ansprüche des großen Publikums entgegenkamen. Am Beginn seiner Schriftsteller rischen Laufbahn hatte er viel höhere Aspira* tionen. Ihn lockten Probleme und Gestalten, die über das Alltägliche hinausgehen und in einen Widerspruch zur Banalität des gewöhnlichen Lebens stehen. Diesem Streben verdanken zwei größere Erzählungen ihre Entstehung: „Stempenju" und „Josele, die Nachtigall". Es sind dies Künstler* romane. In dem erstgenannten wird die Geschichte eines Geigenkünstlers erzählt, dessen Erscheinung und Spiel dem Herzen einer braven, schlichten, von ihrem Manne aus Schüchternheit vernachlässigten kleinen Frau gefährlich zu werden droht, die Gefahr wird durch das rechtzeitige Erwachen der ehelichen Liebe glücklich abgewendet. Ungleich tiefer, auch als Komposition viel vollendeter, ist der zweit* genannte Roman, in dem die Geschichte eines Sängers erzählt wird, welcher an der unbewußten, leise keimenden, unendlich zarten Liebe der Jugend* freundin achtlos vorübergeht und einem hartherzigen, ehrsüchtigen, verständnislosen Weibe zum Opfer fällt und daran zugrunde geht. In beiden Er* Zählungen, besonders aber in der letztgenannten, ist die Schilderung der Macht des Gesanges und ihres Zaubers auf die Hörer meisterhaft. Zu der Höhe dieser Erzählung hat sich der Verfasser nie wieder erhoben. Sein breiter, gutmütiger, anspruchs* loser Humor verleitete ihn dazu, in den bequemen und seichten Wassern des Lebens des Kleinbürger* tums, der Kleinstadt und deren wenig komplizierter Interessen zu plätschern. Diese Menschen kannte er ausgezeichnet und wurde nicht müde, sie wieder und wieder zu schildern. Bisweilen versuchte er auch, die zweite Generation in die Debatte zu ziehen, wagte sich aber nicht allzu weit vor. In den fünfunddreißig Jahren, seit er auftrat, spielten sich gewaltige Vorgänge ab, die in das Leben des jüdischen Volkes aufs tiefste eingriffen und es von Grund aus änderten, die schwierigsten Probleme tauchten auf und die besten Köpfe dieser Generation suchten nach Lösungen. Er aber stand dabei, besah sich das alles und lächelte bloß sein breites, behagliches Lächeln des Klein* Städters, ohne im entferntesten zu ahnen, daß man diesen Fragen und Ereignissen gegenüber einen anderen Standpunkt einnehmen kann, als die Kleinkrämer, Wasserträger, Rabbiner, Schad* chonim, Dienstmädchen und Aufgeklärten der wolhynischen Kleinstadt, die er so ausgezeichnet kannte und von denen er sich nicht losreißen mochte, über deren Horizont hinaus er nicht blicken konnte und wollte. Er lebte zeitweise in Deutschland, der Schweiz, Italien, schließlich in Amerika, aber alles, was er in diesen Ländern sah, betrachtete er mit den Augen seiner Mit* bürger und Zeitgenossen von dazumal. Das Leben und Treiben der großen Welt brachte ihn nie aus der Fassung und die sogenannte Kultur dieser Länder hatte ihm nichts zu sagen. Aber seine kleine Welt kannte er wundervoll, er hat alle die Typen und Formen verewigt. Für die Kenntnis der Sitten, Bräuche, Rede* weisen, Sprichwörter der breiten Masse sind seine Schriften eine unerschöpfliche Fundgrube. Er ver* ursachte seinen Lesern nie Kopfzerbrechen, strengte weder ihre Phantasie, noch ihr Nachdenken, noch ihre Gefühle an, beunruhigte niemals ihr Gewissen, jagte ihnen keine Angst vor der Zukunft ein und verlangte von ihnen kernen Heroismus der Gesinnung oder der Tatkraft. Er kitzelte angenehm ihre Lachmuskeln und oft auch ihre Tränendrüsen. Dabei war er ebenso wie alle seine Helden und Heldinnen immer äußerst anständig und ehrbar. Ein mit Fug und Recht allgemein beliebter Schrift* steller ist viel zu früh mit ihm ins Grab gestiegen. MORITURI, ODER: DER UNTERGANG DER DEUTSCHEN JUDEN. Die Juden sind, wie männiglich bekannt ein Krebsschaden am Leibe des deutschen Volkes. Glücklicherweise unterscheidet sich dieser Krebsschaden von allen anderen seinesgleichen dadurch, daß er heilbar ist. Wenn die Bazillen aussterben, ist das Geschwür vorbei. Und die Bazillen, das heißt diesmal: die Juden, werden aussterben. Das steht fest. Herr Dr. Felix Theilhaber hat es in den Sternen gelesen. Vor sechs Jahren. Was er erschaut, offenbarte er der Welt in einem grundgelahrten Buch voll statistischer Tabellen. Da rechnete er haarklein bis auf den Tag und die Stunde aus, wann die deutschen Juden vom Erdboden verschwunden sein werden. Morituri! Sie sind vom Schicksal gezeichnet. Wandelnde Schatten. Ehe man sich's versieht, werden sie vom Hades verschlungen sein. Morituri! Dem Herrn Geheimrat Fritz und seinen Gesinnungsgenossen gewährt diese Hoffnung einigen Trost in ihrer Betrübnis über die schwere Schädigung des deutschen Geistes und Besitzes durch die Juden. Freilich, wie glücklich wären wir, wenn es überhaupt keine Juden gäbe, oder wenn sie auf der Stelle sämtlich vom Teufel geholt würden! Aber da sie nun einmal da sind und der Teufel allzu säumig ist, so muß man sich schon in Geduld fassen, um am Ende nicht zu verzweifeln. Es wird schon kommen. Eines