Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni-Juli 1916)
- Date
- 1916-06-01
- Page
- None (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Herausgegeben und redigiert LEO WINZ. Alle Rechte vorbehalten. Heft 6/7. Juni —Juli 1916. XVI.. Jahr«. POLITIK UND MORAL Das in dieser Antithese enthaltene Problem gehört zu denen, die seit Ausbruch des Krieges die Geister am stärksten beschäftigen. Läßt sich der 'Krieg überhaupt und insbesondere deser völkermordende Weltkrieg mit den Forderungen der Moral vereinen, zu der sich alle Völker der weißen Rasse, wenigstens alle christlichen Völker, bekennen? Und (da der Krieg nur als Fortsetzung und Ergebnis der Politik angesehen wird, erweitert siidh die Frage dahin, ob und inwiefern sich die Politik als solche mit Moral vereinen läßt. Politik umfaßt die Grundsätze des Verkehrs zwischen den Staaten oder Völkern. Die Frage nach der Vereinbarkeit von Politik und Moral drückt also nichts geringeres aus, als die Frage, ob in den Beziehungen zwischen Staat und Staat, zwischen Volk und Volk dieselben Grundsätze maßgebend zu sein haben, die in den Beziehungen zwischen den Einzelnen oder etwa zwischen kleinen Gruppen, z. B. Familien, Handelsgesellschaften, Gemeinden, als unbedingt verpflichtend gelten; oder aber, lob es für den Verkehr zwischen Staaten und Völkern einen anderen Moralkodex gebe, öo daß hier Dinge erlaubt oder gar geboten sind, die dort als verwerflich oder auch verbrecherisch gelten. Denker verschiedenster Richtungen und Tendenzen, Angehörige aller christlichen Konfessionen haben diese Frage erörtert, mit großem heiligem Ernst und mit strengster Gewissenhaftigkeit erörtert. Theologen, Juristen, Philosophen, Psychologen, Historiker, praktische Politiker haben sich an der. Debatte beteiligt und fast alle, mit Ausnahme einiger Schüchterner, sind zu dem schmerzlichen Ergebnis gekommen, daß es in der Tat zweierlei Moral gebe, auch in alle Ewigkeit geben müsse: die eine als Grundlage des Verkehrs zwischen Mensch und Mensch, das ist die Moral des Altruismus; die andere als Grundlage des Verkehrs zwisdhen den Staaten, das ist die Moral des Egoismus, richtiger die Amoral des Egoismus; denn da jede Moral darauf beruht, daß der Egoismus durch irgend ein Prinzip eingeschränkt wird, so läßt sich der Egoismus schlechterdings mit keiner Moral vereinen; wo er schrankenlos herrscht, muß alles erlaubt sein, was sonst verboten ist. Innerhalb der Angehörigen desselben Staates waltet die Liebe, zwischen Staat und Staat waltet nur die Macht. Alle Fragen der internationalen Politik sind lediglich Machtfragen. Esi handelt sich nie darum, zu wissen, wie weit ich, wenn ich den Staat vertrete, gehen darf, sondern, wie weit ich gehen kann. Was ich vermag, das' ist mir auch erlaubt. Die ganze Problemstellung ist selbstverständlich nicht neu, aber während sie bisher nur die theoretischen Ethiker und Philosophen und auch diese nur rein akademisch beschäftigte, ist sie angesichts der Erlebnisse dieses Krieges aktuell, ja brennend geworden, sie verfolgt alle denkenden Menschen wie erwachende Gewissensbisse, sie nagt und bohrt in der Tiefe der Seele, denn alle Welt fühlt, daß hier ein Widerspruch klafft, der auf einer Unvollkommenheit oder gar Unrichtigkeit des Prinzips beruhen muß. Schon der heilige Augustin fühlte sich durch die Politik in seinem christlichen Gewissen beunruhigt und trennte darum die beiden Organisationen, des Staates und der Kirche, von einander, indem er als Basis der ersteren den amor sui, der letzteren den amor Dei bezeichnete; im Staate erblickte er etwas absolut Unheiliges, während die Kirche die Gemeinschaft der Heiligen war, die alleinige wahrhaft gottgefällige Vereinigung der Menschen. Von dieser Ueberzeugung ausgehend flüchteten sich alle mittel-