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Ost und West · 1916-04-01 · Heft 4-5 (April-Mai 1916) · p. Seite 211 - 212

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Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 4-5 (April-Mai 1916)
Article
Kriegsliteratur [Rezension]
Date
1916-04-01
Page
Seite 211 - 212 (sequence 2)
Language
German
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211 Kriegsliteratur. 212 und feinen, umfassenden Kultur des Verfassers. Interessant war's, den Eindruck dieses Buches auf Angehörige der sog. hohen Kreise, Generale, Diplomaten, Minister u. dgl., zu beobachten. In diesen Kreisen hat man nämlich von dem Geistesleben des modernen Juden nicht die leiseste» Ahnung. Manche waren ganz außer sich vor Staunen. Solche Gedanken macht sich ein Jude über Gerechtigkeit und Menschenliebe, über Völkerhaß und europäische Kultur, über Krieg und Vaterland, über Tapferkeit und ewigen Frieden? Noch dazu ein konservativer Jude, ein streng orthodoxer, ein Talmudjude, der von dem bei allen Theologen so verrufenen „Gesetz" nicht ein Jota fallen lassen will! — Merkwürdig! Das hätten „wir" nie gedacht. ... So mancher wird zum Nachdenken, zu einem heilsamen Umdenken angeregt werden sein... Es ist ratsam, nach dem Buche Wohlgemuths das von Max Scheie r, „Der Genius des Krieges und der deutsche Krieg2), zur Hand zu nehmen, um den Kontrast zweier Weltanschauungen und zweier Weltstimmungen zu beobachten. Noch nie ist mit soviel philosophischer Tiefe, mit soviel Geist und Scharfsinn, mit soviel heiligem Eifer und sittlichem Ernst der Krieg — nicht gerechtfertigt, sondern verteidigt, ja gefordert worden, als ewig"e gottgewollte Einrichtung, als Regulator der Völkergeschichte, als unvermeidliches, segenspendendes, von der Vorsehung in die Hand des Mächtigen gelegtes Instrument, um die Welt mit Feuer und Schwert, mit Blut und Eisen zu regieren. Sollte etwa nach dem Kriege eine Reaktion wie! vor hundert Jahren eintreten, Scheler ist zu ihrem berufensten Wortführer ausersehen. Keuchend unter der Wucht seiner Argumente, ruft man manchmal erleichtert aus: „Wie gut, daß er kein Jude, oder: sicherlich längst kein Jude mehr ist." ____ Sehr zu empfehlen sind die beiden Bücher von Prof. Gustav S. Steffens „Weltkrieg und Imperialismus" und „Krieg und Kultur"3) Beide bieten sozialpsychologische Dokumente und Beobachtungen zum Weltkrieg, orientieren vortrefflich über die treibenden Kräfte der Weltereignisse und beleuchten den Zusammenhang der Dinge von hoher WTarte. Auch auf die Judenfrage in den kriegführenden Ländern fällt manch wichtiges Streiflicht. Da das Rassenproblem durch diesen Weltkrieg eine ganz ungeahnte Bedeutung gewonnen hat, so darf man mit besonderer Freude das Buch von Dr. Friedrich Hertz „Rasse und Kultur"4), begrüßen. Es ist dies die zweite, neubearjbeitete und vermehrte Auflage von „Moderne Rassenprobleme", welches vor elf Jahren erschien, und, zu unserer Beschämung sei es gesagt, unbeachtet geblieben ist. Wir halben dem Buch viel abzubitten. Es ist unzweifelhaft eines der besten, vielleicht das beste Buch, welches das Problem der Rasse, unter besonderer Berücksichtigung des Judentums, behandelt. Der Verfasser verfügt über erstaunliches Wissen und eine sehr hohe, philosophisch geläuterte und gefestigte Bildung. Seine Kenntnisse der jüdischen Literatur und Kultur, obwohl überwie- 2) Verlag der Weißen Blätter. Leipzig. 1915. 3) Eugen Diederichs, Jena. 4J Alfted Ki einer, Verlag, Leipzig. gend aus Uebersetzungen geschöpft, sind erstaunlich reich und gediegen. Sein Stil ist klar und glänzend, von einem lebhaften Temperament getragen. Angeregt wurde der Verfasser das Buch zu schreiben, durch Chamberlains „Grundlagen des 19. Jahrhunderts", dem der größte Teil der Ausführungen des1 Werkes gilt und den es einer vernichtenden Kritik unterzieht. Auf uns Juden wirken die Darlegungen des Verfassers stellenweise geradezu befreiend, und dennoch hat das jüdische Publikum von der ersten Auflage des Buches gar keine Notiz genommen. Zwanzig Auflagen hätte es im ersten Jahre erleben müssen, in keinem jüdischen Haus hätte es fehlen sollen. Hoffentlich holt das Publikum an der zweiten Auflage nach, was es an der ersten vernachlässigt hiat- Der Krieg hat für das1 (Alte Testament einl merkwürdiges Interesse und vielfach neues Verständnis geweckt. Davon zeugen zahlreiche Abhandlungen und Bücher kultur- und literat|urgeschichtliehen Inhaltes aus den letzten ianderthalb Jahren. Als eines der besten Erzeugnisse 'darf die Broschüre von Hermann Gunkel bezeichnet werden, unter dem Titel „Israelitisches Heldentum und .Kriegsfrömmigkeit im Ahen Testament"5). Gunkel gehört bekanntlich zu der äußersten Linken unter den Bibelkritikern, seine »Hypothesen und; Konjunkturen lassen oft an Gewagtheit nichts zu wünschen übrig. Aber ihm eignet ein feines; ästhetisches Empfinden und ein scharfer psychologischer Spürsinn, und diese lassen ihn in den biblischen Büchern verborgene Schönheiten entdecken, wo andere nur philologisches 'Material wahrnehmen, und historische Zusammenhänge herausspüren, die nur wenige ahnten. In den beiden vorliegenden Aufsätzen kommen diese Vorzüge reichlich zur Geltung. An der Hand der Geschichte des alten Israel wird die Entwicklung der Anschauungen über Kriegstjüchtigkeit und kriegerisches Heldentum dargelegt, die sich schließlich zu dem Ideal des Weltfriedens fand des Gottesreiches verklären. „Gleichberechtigung der Völker und darum Friede auf Erden, das ist der letzte Gedanke der alttestamentlichen Religion . . . Aber nicht verzichtet hat der Prophet auf den Gedanken vom Königtum Gottes . . . Nicht mit Gewalt wird Israel die Völker niederschlagen, aber es wird sie überwinden durch seine Religion. An «die Stelle des Ideals einer kriegerischen Weltmacht tritt der Gedanke einer friedlichen Herrschaft des Geistes. . . So mögen denn auch die christlichen Völker Europas, wenn der gegenwärtige Krieg, wills Gott, zum Heil unseres Vaterlandes beendet ist, sich aufs neue besinnen, daß es ein ihöheres Ziel gibt, als gewaltsame Unterdrückung! Und möge unser Volk auch im Siege nicht vergessen, (daß es viele Nationen auf Erden gibt, die alle ein Gedanke Gottes sind und ihr eigenes Recht haben. Denn wie auf sozialem Gebiet, so ist auch auf politischem das Ende des Streites die Gerechtigkeit!" Zu solchen Gedanken regt einen modernen Christen, einen radikalen Kritiker die Betrachtung des! alten Testamentes in unserer Zeit an. Wie unerschöpflich reich und tief ist doch das ewige Buch, das durch unsere Altvordern der Welt geschenkt wurde. Möchte doch dieser Krieg es auch uns, ihren Nachfahren, wieder nahe bringen, gestehen wir es uns nur ehrlich ein, wir haben uns viel zu weit davon (entfernt. 5) Verlag von Vandenhoeck & Ruprech*, Göttingen, 1915.

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