Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 4-5 (April-Mai 1916)
- Article
- Aus der Geschichte einer alten deutschen Judengemeinde
- Date
- 1916-04-01
- Page
- Seite 191 - 192 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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191 Der ewige Hass. 192 Schaft der Glogauer Joseph'Lehmann, Salomon Münk, Joseph Zehdner, Eduard Münk, Michael Sachs, David Cassel und Meier Wiener. So verschieden auch die Gebiete waren, die sie sich zu ihrem Arbeitsfeld erkoren hatten, —- machte sich doch bei allen als das Richtmaß ihrer gesamten öffentlichen Tätigkeit ein edles Streben nach Erforschung der Wahrheit bemerkbar. Mit treuer Liebe zu den an den alten Bildungsstätten gesammelten Schätzen hebräischer und talmudischer Kenntnisse verbanden Jsie allesamt eine gediegene Bildung auf humanistischer Grundlage, die sie befähigte, nach Form und Inhalt vollendete literarische Erzeugnisse von bleibendem Werte hervorzubringen. Diese Männer haben der alten Gemeinde zu neuem Ruhm verholfen. (Brann. Aus Salbmon Münks nachgelassenen Briefen.) DER EWIGE HASS. In der Seelenanalyse, der Paphnutius das Judentum in den „Grenzboten" unterworfen hat, aus der hervorging, wie schädlich der jüdische Geist für das innere Wesen und die seelische Kultur der Deutschen^ sei, — in dieser Seelenanalyse findet sich ein besonderer Abschnitt über den Haß, der ein ewiges Thema werden zu wollen scheint. Natürlich muß abermals Ernst Lissauer herhalten, der wider Willen und Absicht zum Repräsentanten des jüdischen Geistes avanciert ist. Aber „in der das Gefühlsleben so sonderbar enthüllenden Streitliteratur unserer Tage" ist der scharfsinnige Psychologe „der Frage der seelischen RassenmerRmale noch auf ganz anderen Wegen" nachgegangen und hat „in Zeitungsartikeln und beiläufigen Bemerkungen feine und doch charakteristische Unterschiede, nicht in der Stärke, sondern in der Art des Gefühlstons" gefunden. „Eine besonders richtungweisende Bemerkung ist mir gelegentlich in einer religiös gestimmten jüdischen Zeitschrift entgegengetreten. Der Verfasser wandte sich mit ernsten sittlichen Erwägungen gegen Lissauer und erörterte die Verwerflichkeit des unbegründeten Hasses: „Um nichts wird in den Synagogen so inbrünstig gebetet, wie um1 die Bewahrung vor dem unbegründeten Haß." „Berührt uns nicht auch diese so sympathische Bemerkung wie der Hauch einer fremden Seele? Schon die Unterscheidung zwischen zwei Arten des Hasses ist unserer Ethik fremd... Vielleicht ist also auch; die stärkere Fähigkeit, zu hassen die zum biologischen Besitz gewordene Waffe eines unterdrückten Volkes." Die Leser erinnern sich vielleicht noch des Artikels „Vom grundlosen Haß" in dem ersten Kriegsheft (September 1914) von „Ost und West" — das ist nämlich die religiös gestimmte jüdische Zeitschrift, die Paphnutius meint. Nur sind seine Angaben ungenau. Der Verfasser wendete sich gar nicht gegen Lissauer, der Artikel war geschrieben, noch bevor der Haßgesang gegen England erschien, sondern gegen einige christliche, sehr christliche und sehr germanische Damen, die in schönen und geistvollen Artikeln den Haß, den unversöhnlichen Haß gegen die Feinde heilig priesen. Den Haß aber gegen Deutschland, der damals schon mit unbegreiflicher Heftigkeit allenthalben aufgelodert war, kennzeichnete er als „grundlos", gleichwie den Haß gegen die Juden. „Grundlos," nicht „unbegründet". Paphnutius zitiert unachtsam. „Unbegründet" ist etwas, wofür sich die fehlende Begründung herbeischaffen läßt, für eine grundlose Sache läßt sich ein Grund überhaupt nicht finden, weil keiner vorhanden ist. Gemeint ist natürlich nur ein realer, objektiver Grund, der in dem Wesen, Tun oder Charakter des Gehaßten läge. Daß aber auch der grundlose Haß auf jeden Fall in den inneren psychologischen Vorgängen oder im Wesen des Hassenden seinen Grund haben muß, ist nach dem Satz vom zureichenden Grund, der ja auch für das Seelenleben gilt, selbstverständlich. Das wurde auch weiterhin in dem Artikel in „Ost und West" ausgeführt. Um Bewahrung vor solchem grundlosen Haß wird inbrünstig gebetet — nicht nur in den Synagogen, wie Paphnutius unrichtig zitiert, sondern mehr •noch in jenen Gebeten, die der Jude für sich „im stillen Kämmerlein" verrichtet. Ein arger Fehlgriff, ein großer Mangel an Verständnis ist es, wenn Paphnutius meint, darin liege eine Unterscheidung zwischen zweierlei Arten des Hasses, die seiner Ethik fremd ist. Daß wir Juden zu Gott nur um Bewahrung vor grundlosem Haß beten, kommt daher, daß die Schöpfer unserer Gebete diesen a,ls den höchsten Grad, den Gipfel und stärksten Ausdruck des an sich schon übermächtigen und gefährlichen, weil mit dem Selbsterhaltungstrieb innig verbundenen Haßeffektes halten; und gegen eine solche Macht ist der Mensch hilflos und kann ihr nur beikommen, wenn er den Beistand Gottes anruft. Dem analog, ist nach ihrer Meinung die „grundlose Liebe" die edelste Blüte, die höchste, die einzig unvergängliche Form des Liebesaffektes. Diese grundlose, uneigennützige Liebe tritt unter den Sterblichen auf als Freundschaft unter gleichgestimmten Männern (David und Jonathan). Sie ist, wie die Mischnah sich ausdrückt, von keinem äußeren Ding abhängig, sie ist unüberwindlich. Aber gleichwie die von irgendeinem Ding abhängige Liebe vergänglich ist, „verschwindet, sobald das Ding hin ist," so ist auch der von einem Ding abhängige Haß vergänglich und überwindbar. Sache des Menschen ist es, das Ding zu beseitigen, das die Ursache des Hasses ist, um die Wirkung aufzuheben. Nach jüdischer Auffassung aber ist es sinnlos oder gar lästerlich, zu Gott um Dinge zu beten, die im Bereich der menschlichen Kraft liegen. Da muß der Mensch sich selber helfen. Es hätte keinen Sinn, zu Gott zu beten: „Bewahre mich vor Haß gegen den Menschen, der mir das Dach über dem Kopf anzündet oder die Haut vom Leibe abschindet." Das wäre ganz wie wenn ein Kind betet : „Lieber Gott, das Wetter ist so schön, ich; möchte gern draußen spielen, mäch doch, daß meine Schulaufgaben