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Ost und West · 1916-04-01 · Heft 4-5 (April-Mai 1916) · p. Seite 189 - 190

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Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 4-5 (April-Mai 1916)
Article
Aus der Geschichte einer alten deutschen Judengemeinde
Date
1916-04-01
Page
Seite 189 - 190 (sequence 3)
Language
German
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189 Aus der Geschichte einer alten deutschen Judengemeinde. 190 voranging. Die lästige Anordnung der österreichischen Regierung, daß sich die Juden durch ihre Tracht und eine besondere Art von Mützen von den Christen unterscheiden müßten, wurde 1743 zugunsten der jüdischen Frauen und Mädchen aufgehoben, und mehreren bevorzugten Juden wurde erlaubt, außerhalb des ihnen zugewiesenen Stadtgebiets Häuser anzukaufen. Wenn mithin unter der preußischen Herrschaft manches geschah, um das Eigentum, die Ruhe und den Erwerb der Juden zu schützen, so waren sie doch immer noch vielen kleinlichen Beschränkungen unterworfen. Erst in den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts trat eine Wendung zürn Bessern ein. Man suchte in der heranwachsenden männlichen israelitischen Jugend die Neigung zu wecken,nützlicheHandwerke zu erlernen, um sie namentlich von dem entsittlichenden niedrigen Schacher abzulenken. Als durchaus zweckmäßig und dem Fortschritte der Zeit entsprechend erkannte man die am 29. Mai 1791 erlassene Verordnung, daß jeder mit einer Stammnummer versehene Israelit sich einen Zu- oder Geschlechtsnamen wähle oder einen solchen von Amts wegen sich beilegen lasse. Das der Kammer eingereichte Namensverzeichniswies 320 jüdische Hausväter nach, von denen 101 in den eigentlichen Judenhäusern, die übrigen in Christenhäusern wohnten. Da die Glogauer Judengemeinde fast 2000 Seelen zählte, so wohnte der fünfte Teil aller schlesischen Juden in dieser Stadt. Mit dem Judengesetz vom 11. März 1812, das endlich alle Beschränkungen vorhergehender Jahrhunderte aufhob, eröffnete sich auch der Glogauer Gemeinde ein erfreulicher Blick in die Zukunft. Auf der Grundlage der neuen Verfassung erwuchs schnell ein starkes, selbstbewußtes Gemeinwesen. Die gegen den Neid und die Mißgunst der Zünfte, Zechen und Gilden, sowie der städtischen Behörden stets siegreich verteidigte Sicherheit des Daseins erhöhte die Schaffensfreudigkeit jedes Einzelnen und erzeugte bei dem Durchschnitt der Hausväter einen gewissen Wohlstand, der ihnen Zeit und Muße gönnte, ihren Sinn auf höhere Lebensgüter zu richten und den geistigen Strömungen der Zeit mit Interesse und Ver- Die neue Synagoge in Glogau ständnis zu folgen. Im 17. und 18. Jahrhundert, als die jüdische Intelligenz, den hergebrachten Erziehungs- und Bildungsgrundsätzen entsprechend, ihr Hauptaugenmerk dem Studium der jüdischen Lehre zugewandt hatte, galt Glogau im Gegensatz zu Breslau, dessen Judenschaft (nach den Jahrb. für jüd. Gesch. und Lit, 1899) das stets wechselnde Bild einer aus Ost und West zu mehr oder minder kurzem Aufenthalt bunt zusammengewürfelten Anzahl von Handelsleuten ohne jeden festen inneren Halt und Verband darbot, als eine Staadt, ,,groß vor dem Herrn und voll von Weisen und Schriftgel ehrten". Talmudmeister von , Ruf und Ansehen rechneten es sich zur Ehre an, zum Glogauer Rabbinat berufen zu werden, und als in den Tagen des Philosophen Moses Mendelssohn und seiner Schüler das Licht der Aufklärung sich allmähligb* unter den Juden verbreitete, fiel ein Strahl davon auch in die Glogauer Judenstadt1). Mendelssohns hochdeutsche Uebersetzung der fünf Bücher Moses fand hier sogleich bei ihrem Erscheinen einige Abnehmer, die sich sogar als solche öffentlich zu bekennen wagten, und noch ehe das 18. Jahrhundert zu Ende ging, suchten Knaben und Jünglinge aus Glogau in wachsender Zahl die neuen Bildungsstätten in Berlin und Breslau auf, die ihnen neue, seit Jahrhunderten von den deutschen Juden nicht mehr betretene Gebiete des Wissens erschlossen. Reife Früchte dieses Wissensdranges erntete freilich erst das spätere Geschlecht. Während von den Zöglingen der Aufklärungszeit nur ein einziger Glogauer, der durch Selbstunterricht mit vielseitigen Kenntnissen ausgerüstete M a r k u s B e e r F r i e d e nthal mit seinen umfangreichen theologisch-philosophischen Abhandlungen einigen Einfluß auf die Erweiterung des Gesichtskreises der im Osten lebenden Glaubensgenossen gewann, erfreute sich die in späteren Jahren kraftvoll aufblühende jüdische Wissenschaft der tatkräftigen und erfolgreichen Mitarbeiter- 3) Umso auffälliger ist es, daß noch 1800 die Glogauer Gemeinde dem unglücklichen Salomon Maimon kein ehrliches Begräbnis gönnte. A. d. R.

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