Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 4-5 (April-Mai 1916)
- Date
- 1916-04-01
- Page
- None (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Herausgegeben und redigiert LEO WINZ. Alle Rechte vorbehalten. Heft 4/5. April-Mai 1916. XVI. Jahrg. DIE OSTJUDENFRAQE II. Teil. ANFANG, VERLAUF UND ENDE DER OSTJUEDISCHEN MASSENWANDERUNGEN NACH DEM WESTEN. — DIE SELBSTZERFLEISCHUNG DER JUDEN. — VOLKS¬ SPRACHE UND KULTURSPRACHE. — WELCHES IST DAS WAHRE INTERESSE DEUTSCHLANDS AN DEM SCHICKSAL DER OSTJUDEN? ANFANG, VERLAUF UND ENDE DER OSTJUEDISCHEN MASSENWANDERUNGEN NACH DEM WESTEN. Alle, die sich seit Monaten die Köpfe über die Ostjudenfrage zerbrechen, gehen von der Annahme aus, es sei ein unentrinnbares, ewiges Gesetz, daß die Juden vom Osten nach dem Westen wandern» müssen, wie dies seit mehr als einem Menschenalter geschieht. Hätten die Herren sich jdie Mühe genommen, etwas weiter rückwärts zu blicken, so hätten sie gesehen, daß die Mlassenwanderung der Ostjuden gen Westen eine Erscheinung der allerneuesten Zeit ist. Die ersten großen Judenpogrome in der Ukraine und Wolhynien zu Anfang der achtziger Jahre haben den Anstoß dazu gegeben, und da der Pogrom seither von der russischen Regierung als dauernder Bestandteil der Verwaltung einverleibt wurde, so haben auch die Wanderungen nicht aufgehört. In der vorhergehenden Epoche aber war esi umgekehrt. Seit den ältesten Zeiten, vielleicht schon seijt den Kreuzzügen, sicher aber seit der JVUitte des 13. Jahrhunderts1, gab es nur Massenwanderungen der Westjuden nach dem Osten. Diese Mässenwanderungen, waren verursacht durch die jahrhundertelang mit größter Härte andauernden, nur zeitweise ruhenden, Verfolgungen, Beschränkungen und Austreibungen der Juden aus Mittel- und Westeuropa. Wir können •noch heute die Wege dieser Wanderungen an der Hand der jüdischen Sprache, der Familiennamen, der Traditionen und sehr häufig 'auch der Dokumente genau verfolgen. So kam es> daß die heutigen sechs oder sieben Millionen „polnischer", in Wirklichkeit aber deutscher, Juden sich im Osten ansammelten. Diese Bewegung erreichte ihren Höhepunkt während des Dreißigjährigen Krieges, da Mitteleuropa so verwüstet wurde, wie Bolen in unserer Zeit. Das Jahr 1*648, in welchem der Westfälische Friede den grauenhaften Verheerungen und der Entvölkerung Deutschlands ein Ende machte und eine Periode der Verjüngung und der Blüte einleitete, bildete für Polen, umgekehrt, den Anfang einer langen Reihe von Kriegen, die dem Lande das; Schicksal bereiteten, das Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten überstanden hatte — Kriege, die nur durch kürzere Flriedensperioden unterbrochen wurden und deren letztex Ausläufer das gegenwärtige Völkerringen eigentlich ist. Den ersten Akt bildeten die Kosakengreuel, dann folgten die Schweden- und die Russenkriege. Die Einwanderung der Juden nach Polen hörte vorläufig auf, sie wandte sich nach dem Westen: England, Holland, Elsaß-Lothringen. — Aber der Antrieb zur Auswanderung aus Deutschland hatte sich mittlerweile stark verringert, das aufstrebende Land widmete sich nach dem Dreißigjährigen Krieg der positiven 'Arbeit, die Austreibungen und Verfolgungen wurden erheblich milder, es war Raum für die wirtschaftliche Betätigung der Juden, und die Mißgunst der Bürger und der Ritterschaft ließ beträchtlich nach. Jetzt fing ein Strom von Auswanderern aus Polen an, sich nach dem Westen zu ergießen, allein das waren vorwiegend Elemente, die dem, was wir heute „Intelligenz" zu nennen pflegen, entsprechen: Rabbiner, Gelehrte, Lehrer, Synagogensänger, Buchdrucker und andere „Kele hakkodesch", die, ökonomisch unproduktiv, nur innerhalb einer geordneten,, ruhigen, wohlhabenden Gemeinschaft gedeihen können. Die eigentliche wirtschaftliche Ab-