Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1916-01-01 · Heft 1 (Januar 1916) · p. Seite 47 - 48

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 1 (Januar 1916)
Article
Jüdische Kämpfe um Freiheit und Recht
Date
1916-01-01
Page
Seite 47 - 48 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2583875-2584060-2584062-2597076--16038-2597133
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

47 Die Reaktion. 48 jüdischen Freiwilligen. Der jüdische Major Burg, der einzige Jude, der je in Preußen diesen Rang erreichte, schwelgte noch sechsunddreißig Jahre nacher in der Erinnerung an den Enthusiasmus, der damals die jüdische Jugend beseelte, da er mit zweihundert Kameraden von Breslau auszog. Auf dem Schlachtfeld zeichneten sich einzelne jüdische Soldaten besonders aus und ernteten sogar das Lob christlicher Kritiker. Leider hat man es damals auf jüdischer Seite verabsäumt, eine genaue Statistik über die Zahl der jüdischen Kriegsteilnehmer und eine authentische Darstellung ihres Verhaltens und ihrer Taten anzulegen. Nur im allgemeinen kennen wir die Urteile der maßgebenden Behörden. Der Staatskanzler Hardenberg schrieb am 4. Januar 1815: „Die jungen Männer jüdischen Glaubens sind die Waffengefährten ihrer christlichen Mitbürger gewesen und wir haben unter ihnen Beispiele des wahren Heldenmutes und der rühmlichen Verachtung der Todesgefahr aufzuweisen, sowie die Einwohner Berlins, namentlich auch die Frauen, in Opfern jeder Art sich den Christen angeschlossen haben/' Im Jahre 1847 stellte das Kriegsministerium Ermittlungen an, die ergaben, daß obschon keine Listen vorhanden waren, es „als feststehend bezeichnet wurde, daß sich im Kriege (1813) mehr jüdische Freiwillige meldeten, als im Frieden. Ihre Führung im Kriege wird im 2. und 3. Armeekorps als gut bezeichnet und beim letzteren wie beim 2. Armeekorps wird anerkannt, daß sie zum Teil mit besonderer Auszeichnung gedient haben, wie denn auch beim 7. Armeekorps ihnen das Zeugnis gegeben wird, sich dem Feind gegenüber sehr brav benommen zu haben... Man darf als erfahrungsgemäßes Resultat annehmen, daß die Juden des preußischen Heeres von den Soldaten per christlichen Bevölkerung im allgemeinen nicht erkennbar unterschieden sind, daß sie im Kriege gleich den übrigen Parteien sich bewährt, im Frieden den übrigen Truppen nicht nachgestanden haben, insbesondere die jüdischen Religionsverhältnisse nirgends als ein Hindernis beim Kriegsdienst hervorgetreten sind." Der meklenburgische Regierungsrat von Lützow schrieb (1828): „Es hat sich nirgends ergeben, daß die Juden die vollen Pflichten des Staatsbürgers zu erfüllen nicht imstande wären, vielmehr haben sie in Zeiten der Gefahren unter Opfern für die Erhaltung des Vaterlandes mit den Christen geeifert." DIE REAKTION. Eine neue Epoche war herangebrochen. Die Juden hatten die Feuer- und Blutprobe bestanden, und zwar glänzend. Endlich hatte sich einmal gezeigt, daß die Tugend belohnt wurde. Es war eine Lust, zu leben. Doch sollte das nicht lange dauern. Nur zu bald kam die Reaktion. Nicht etwa, als hätte die Emanzipation der Juden sich nicht bewährt: diese hatten der ersten schweren Forderung, welche an sie herantrat, wie wir gesehen, vollauf entsprochen, und um die sonstigen Wirkungen der Befreiung zu erproben, war die Zeit noch viel zu kurz gewesen. Es war unmöglich, zu behaupten, daß die Juden den Staat und die Gesellschaft irgendwie enttäuscht hätten. Aber kaum war der große Aufschwung und die Begeisterung nach der Niederwerfung Napoleons verrauscht, als eine völlige Wandlung eintrat. Das Publikum, nämlich die große Masse der Halbgebildeten, vergaß rasch, daß die Juden soeben auf dem Altar des Vaterlandes die gleichen Opfer, wie die Christen dargebracht hatten und empfand nur Mißgunst, die vor kurzem noch Verachteten und Getretenen den christlichen Mitbürgern gleichgestellt zu sehen. Ein grimmiger Judenhaß tauchte: urplötzlich wie aus der Versenkung auf, und machte sich in einer Unmasse gemeiner Pamphlete und Theaterstücke, in Straßenszenen und Aufläufen, in Schmähreden und Spottrufen auf die Juden Luft. Das nahm nach dem Wiener Kongreß immer mehr zu und dauerte unter Schwankungen bis Mitte der dreißiger Jahre. Ein halb wohlwollender Schriftsteller, namens Lips, schrieb 1819: „Eine Stimmung verbreitet sich, welche Bürger ein und desselben Staates als feindliche Prinzipe einander gegenüberstellt und Faktionen in seinem Innern erzeugt, die sich jeden Moment blutig bedrohen, ein Haß wird rege, wie er kaum in den finstersten Zeiten des Mittelalters geherrscht haben mag und Erscheinungen ahnen läßt, die mit dem Geiste der Humanität und des inneren Friedens im Widerspruch stehen." In Süddeutschland bürgerte sich die Volkssitte ein, jedem Juden auf der Straße „Hep! hep!" und „Jud verreck!" nachzurufen, die sich mit großer Schnelligkeit über ganz Deutschland verbreitete und fast zwei Jahrzehnte anhielt. Die Broschüren- und Zeitungsschreiber unterließen keine Gelegenheit, „um die Juden zu schmähen und ihre Mißhandlung zu empfehlen/' Man nannte sie „Volksverderber", „Brotdiebe". Bis zum Ueberdruß wurde der Grundsatz wiederholt, daß das Judentum keinen Mann von Charakter, keine Seele mit freierem Schwung aus sich heraus gebären könne. Der judenfeindliche Schriftenstreit in den Jahren 1803—05 war ein sanftes Präludium gewesen im Vergleich mit dem, was sich jetzt abspielte. Nur schüchtern wagte sich hie und da die leise Stimme eines unbekannten christlichen Schriftstellers hervor, um die Juden in Schutz zu nehmen. Die großen geistigen Führer der Nation schwiegen hartnäckig, wenn sie nicht gar, wie Fichte, noch den Haß schürten. Will man sich eine Vorstellung von dem machen, was die Juden damals seelisch litten, so muß man an die Stimmung in Berlin um die Ahlwardt-Zeit denken. Nur muß man erwägen, daß jetzt die Juden Mittel halten, sich zu wehren, daß mächtige Parteien den Antisemitismus ablehnten und im Parlament sowie in Volksversammlungen energisch bekämpften, und daß ein hoher Grad allgemeiner Bildung und Kultur inzwischen in allen Schichten des Volkes sich verbreitet und es gegen die Demagogie widerstandsfähig gemacht hatte, daß endlich die Juden in Deutschland aus der inzwischen herrlich erblühten jüdischen Literatur und Wissenschaft Belehrung, Trost und Erhebung schöpfen konnten. Eine schwache Analogie bietet die Lage der Juden in Warschau während des Boykotts in den Jahren 1913 und 1914, nur daß hier alles in ungleich sanfteren Formen verlief, sich nur auf die untersten Volksschichten beschränkte und nur kurz andauerte. Es wird ewig ein Rätsel bleiben, was den Anlaß zu diesem Ausbruch eines hartnäckigen, unerbittlichen Judenhasses gegeben hatte. Die Juden hatten nichts verübt, keine Hostie geschändet, kein Christenkind geschlachtet, sie waren nicht schlimmer

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.