Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1916)
- Article
- Jüdische Kämpfe um Freiheit und Recht
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 39 - 40 (sequence 2)
- Language
- German
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39 Berko Joselewicz und sein Schicksal. 40 schiba. Stadt und Umgebung waren Besitz des Bischofs von Wilna, Massalski, eines Grandseigneurs von französischer Bildung und Lebensführung, der sich um die Vergnügungen mehr kümmerte, als um sein hohes kirchliches Amt. Kindheit und Knabenalter verflossen unserem Berl nach der damals üblichen Art der polnischen und litauischen Juden. Früh verheiratet, trat er in den Dienst des Bischofs Massalski als Geschäftsführer und Agent. Diese Geschäfte verlangten oftmals weite Reisen nach Deutschland, Belgien und Frankreich, und den Verkehr mit hochstehenden Personen. Berl hatte auf diese Weise Gelegenheit, sich in der großen Welt umzusehen; er erlernte Deutsch und Französisch, sein Horizont erweiterte sich. Daheim in Polen wurde inzwischen, namentlich während des Großen Reichstages, die Judenfrage vielfach und zwar in sehr wohlwollendem Sinne erörtert. Die Konstitution vom 3. Mai 1791 verhieß in ihrer Entwicklung allen Bewohnern vollständige Freiheit und bürgerliche Gleichheit. Ein wahrhaft liberaler und humaner Geist herrschte in allen Klassen und wurde durch die ersten und angesehensten Führer der Nation vertreten. Diese Konstitution, an welcher die edelsten Kräfte Polens 4 Jahre lang gearbeitet hatten und die imstande gewesen wäre, das unglückliche Land zu regenerieren, war Rußland ein Dorn im Auge. Die russische Partei bildete die sogenannte Konföderation von Targowica, zur Wiederherstellung der alten anarchischen Zustände, ein russisches Heer drang in Polen ein, brach den heldenmütigen Widerstand des Fürsten Joset Poniatowski und des Generals Kosciuszko, und bewirkte schließlich die zweite Teilung Polens. Jetzt organisierte der General Kosciuszko den Aufstand gegen Rußland (1794) und hier haben die Juden zum erstenmale am Kampfe als Soldaten teilgenommen und sich in hervorragender Art ausgezeichnet. Der österreichische Staatsbeamte Anton Bau m, der von seiner Regierung zu allerlei geheimen Missionen verwendet wurde, berichtete an das Staatsministerium in Wien, „daß er mit Staunen und Bewunderung den neuen Geist wahrnehme, welcher die Juden unter dem Einfluß der allgemeinen nationalen Erhebung erfaßt hat. Seit dem Ausbruch des Aufstandes bilden die Juden ein Grenzkorps, in Uniformen nach jüdischem Schnitt, mit Schwertern und Pistolen bewaffnet. Unter dem heftigsten Kartätschenfeuer, zu Hunderten verwundet und getötet, verloren sie gleichwohl die Geistesgegenwart nicht, stürzten sich dem Feind entgegen und eroberten mehrere Geschütze. In den Gräben arbeiteten sie zusammen mit Mönchen und Edelleuten in bester Eintracht. Sobald das Signal gegeben wurde, daß es galt, einer Attacke die Stirn zu bieten, versammelten sie sich bewaffnet an dem hierzu bestimmten Punkte." Carl Woyda*) lobt wiederholt die Tapferkeit der Juden, „wrelche sich vorzüglich hervorgetan haben." In noch höherem Maße tun das die polnischen Schriftsteller dieser Epoche. Eine interessante Episode aus jener Zeit möge hier erwähnt werden: Ein reicher Mann in Warschau, namens Samuel Zbitkawer, stand in geschäftlichen Bezie- *) in seinem „Versuch einer Geschichte der letzten polnischen Revolution", 1797. hungen zum König Stanislaw August Poniatowski, dem Schützling Katharinas. Er übernahm Militärlieferungen für das einrückende russische Heert welches ja unter der heuchlerischen Maske des Beschützers, nicht des Eroberers, ins Land kam. Sobald die Erhebung gegen Rußland ausbrach, hielt Samuel es für geraten, das Weite zu suchen; ein Steckbrief der nationalen Regierung wurde hinter ihm erlassen, er sollte sich wegen vielfachen Landesverrats zu verantworten haben. Er war sozusagen in guter Gesellschaft, denn dicht neben ihm stand auf der Liste Theophil Zaluski, Hofkronschatzmeister, und der gewesene Kanzler Hyacinth Malachowski... Aber als Suworow die Vorstadt Praga (bei Warschau) stürmte und dort eine Metzelei verursachte, tauchte plötzlich Samuel Zbitkawer, wie von Gewissensbissen getrieben, wieder aut und ließ mitten im Getümmel bekannt machen, daß er jedem, der einen Einwohner von Praga, gleichwohl ob einen Juden oder einen Christen, lebendig errette und herbringe, einen Golddukaten, jedem, der einen Getöteten herbeischaffe, damit ihm ein ehrliches Begräbnis bereitet werde, einen Silbergulden zahle. Zwei Fässer, das eine mit Gold-_, das andere mit Silbermünzen angefüllt, ließ Samuel im Vorhof seines Hauses hinstellen, und beide leerten sich alsbald. Mitten in dieser Stimmung beschloß der bis dahin ganz unbekannte Berl Joselewicz, der sich seit einigen Jahren mit seiner Frau Rebekka in Praga niedergelassen hatte, ein reguläres jüdisches Corps zu bilden. Beim Oberbefehlshaber Kosciuszko, der auch die Bauern und die Handwerker zu gewinnen und zu organisieren verstanden hatte, fand er bereitwilliges Entgegenkommen. In der Amtszeitung erschien am 17. September 1794 ein mit Kosciuszkos Namen gezeichnetes ,,Manifest über ein im Entstehen begriffenes jüdisches Regiment": „Nichts kann die entferntesten Völker von der Gerechtigkeit unseres Kampfes besser überzeugen, als die Tatsache, daß Menschen, die durch Religion und Sitte von uns getrennt sind, aus freien Stücken 'ihr Leben als Opfer darbringen, um unsere Erhebung zu unterstützen. Seit mehreren Jahrhunderten war die Erdoberfläche von Menschenblut überflutet, aus Hochmut, Habgier, aus Vorurteil oder aus Dummheit einiger Personen, die an der Spitze der Völker standen. Die jüdische Nation aber, seitdem sie ihren väterlichen Boden verlassen über die ganze Welt zerstreut, hielt sich fern von diesem blutigen Treiben, welches die Despoten aut dem Schauplatz unserer Erde veranstalteten. Sie dachte nicht daran, wegen des Hochmuts und der Habsucht der Tyrannen, Blut zu vergießen ... Darum wurde sie im allgemeinen von den Völkern gering geschätzt und als unfähig erachtet, ihre Rechte und ihr Eigentum zu verteidigen. Die Selbstherrscher trachteten nur, von ihr so viel Nutzen als möglich herauszuschlagen, aber wenn man bedenkt, daß diese Nation aus Menschen gleich uns besteht, wird man anders von ihr denken und die Nachricht von den tapferen Taten ihrer Vorfahren wird die schmeichelhaftesten Hoffnungen erwecken". Hier zählt Kosciuszko die kriegerischen Taten der Juden und ihrer großen Feldherren bis zum Fall des Reiches, sowie den Kampf mit den Römern auf.