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Ost und West · 1914-09-01 · Heft 9-12 (September-Dezember 1914) · p. Seite 685 - 686

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Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 9-12 (September-Dezember 1914)
Article
Vorbemerkung der Redaktion
Date
1914-09-01
Page
Seite 685 - 686 (sequence 1)
Language
German
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685 Die Juden in Rußland. 686 VORBEMERKUNG DER REDAKTION. Im Nachstehenden bringen wir den uns vom Central*Comite der „Alliance Israelite Universelle" kurz vor Ausbruch des Krieges zugegangenen Artikel, der die jetzige Lage der Juden in Rußland beleuchtet. Die Ausführungen sind im gegenwärtigen Zeitpunkte von hervorragendem Interesse. Die Leser unserer Zeitschrift und alle Mitglieder der Alliance in Deutschland machen wir auf den Artikel ganz besonders aufmerksam. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, daß die Alliance, obgleich sie ihren Sitz zufällig in Paris hat, eine universell jüdische Organisation ist und sich einzig und allein von allgemein jüdischen Interessen leiten läßt,--der vorliegende Artikel würde es unwiderleglich bezeugen. Durch die schmucklose Wiedergabe objektiver Zeitungs* und Parlamentsberichte wird hier der Alliierte Frankreichs einer so vernichtenden Kritik unterzogen und die Heuchelei seiner Judenpolitik so rücksichtslos entlarvt, wie es der schärfste Gegner nicht besser zu tun vermocht hätte. Dieser Artikel bildet die gründlichste Widerlegung aller derer, die Rußlands Verhalten gegenüber den Juden mit leeren Vorspiegelungen für die Zukunft beschönigen wollen. DIE JUDEN IN RUSSLAND. Die neuen Judengesetze, deren Vorbereitung man der russischen Regierung zuschreibt, die strengen Verwaltungsmaßregeln, die immer wieder gegen die Juden erlassen werden, und die im Volk mit Absicht geschürte Mißstimmung gegen sie berechtigen zu den ernstesten Befürchtungen. Wenn man bedenkt, in welches Netz von Gesetzen und Verordnungen das Leben von sechs Millionen Menschen bereits eingeschnürt ist, so kann man sich kaum die Möglichkeit vorstellen, ihnen noch neue Fesseln zu schmieden. Trotzdem gelingt es der ewig wachsenden Findigkeit der am Staatsruder stehenden Russen, ihre Methoden und Mittel zur moralischen und materiellen Vernichtung der Juden immer weiter zu vervollkommnen. Mit wahrem Schrecken hat die zivilisierte Welt kürzlich vernommen, daß der Ministerrat die Absicht habe, die Israeliten von jeder Teilnahme an Aktiengesellschaften, besonders in der Minen- und Petroleumindustrie ,den Zuckerraffinerien, Wald- und Landwirtschaftsunternehmunaen, auszuschließen, ohne dabei den finanziellen Rückschlag zu bedenken, den ein solches Vorgehen auf das ganze Land ausüben würde. In Rußland selbst hat diese Nachricht bedeutendes Aufsehen erregt und ihre Folgen hat die Börse sofort zu spüren gehabt. Der in "Petersburg zusammengetretene „Kongreß der Kaufleute und Industriellen" und die Vertretung der Bankiers taten dringende Schritte, um die Annahme der projektierten Verordnungen zu verhindern und machten auf die großen Gefahren aufmerksam, die dem Kredit des Landes drohten. Trotz der von mehreren Ministern gegebenen Zusicherungen darf man noch nicht hoffen, daß die Gefahren definitiv beseitigt sind. Noch schlimmer für die Juden und ein deutlicher Beweis für die sie betreffenden Hintergedanken der Reaktion ist eine Entscheidung, die die Duma in ihrer geheimen Sitzung vom 7. Mai angenommen hat. Sie erfolgte auf Anregung des Adelskongresses und der Rechten des Parlaments und fordert die Regierung zur schleunigen Vorlage eines Gesetzentwurfs auf, der „die Bedingungen ändern soll, unter denen die Israeliten den Militärdienst leisten". Unter der beabsichtigten Unbestimmtheit der Fassung handelt es sich um nichts Geringeres als um den vollständigen Ausschluß der Juden aus der Armee, indem man sie statt dessen mit einer Art von Ersatzsteuer belasten will. Wenn erst dieses Ziel erreicht ist, dem die Reaktion seit Jahren zustrebt, so hätte die Regierung ein entscheidendes Argument in Händen, um den Juden jeden Anspruch auf Bürgerrecht unter dem Vorwand zu bestreiten, daß sie nicht einmal die vornehmste Pflicht der Landesangehörigen erfüllen. Ein in deutscher Sprache erscheinendes russisches Blatt, der „Petersburger Herold", das sich bemüht, die augenblickliche Lage der russischen Juden unparteiisch zu beurteilen, schreibt darüber: „Das „neue" Rußland hat der jüdischen Bevölkerung unseres Reiches eine Reihe der unangenehmsten Ueberraschungen gebracht. Ein großer Irrtum nicht nur bei den Juden, sondern bei einem großen Teil der russischen „Intelligenz" bestand in der Annahme, daß mit der neuen Aera alle gesetzlichen Schranken fallen würden, dte die Juden eingeengt hatten. Das russische Volk hat durch seine parlamentarische Vertretung wenigstens die Möglichkeit, seine Wünsche und Beschwerden auszusprechen, aber es denkt in seiner Mehrheit gar nicht daran, die Emanzipation der Juden zu verlangen, sondern nimmt im Gegenteil gegen alle Bestrebungen Partei, die dazu führen könnten. Man darf sogar behaupten, daß die Lage der Juden unter der absolutistischen, Regierungsform in mancher Hinsicht eine bessere gewesen ist als die heutige. Die russischen Autokraten haben stets darauf gehalten, den Grundsatz zu betonen, daß sie für alle ihre Untertanen die gleiche Zuneigung fühlten. Die Aufreizungen eines Teils der Bevölkerung gegen einen anderen wurden als eine schwere Verletzung dieses Grundsatzes betrachtet und deshalb unterdrückt. Zweifellos hat es auch unter dem absolutistischen Regime schon hier und da einen „Pogrom" gegeben, aber damals hat man noch keinen systematischen Kampf gegen die Juden geführt, wie es heute in Polen der Fall ist; man hätte die Sprache nicht geduldet, die heute in Blättern wie die „Russkoje Snamja" und anderen zu finden ist. Das russische Volk hat jetzt vom

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