Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 9-12 (September-Dezember 1914)
- Article
- Judentum und Islam
- Date
- 1914-09-01
- Page
- Seite 683 - 684 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2583875-2584047-2584056-2596984--15877-2597036- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
683 A. Kahn: Judentum und Islam. 684 Edle und Hohe, welches unter den christlichen und islamitischen Völkern erblühte, willig anerkannt und ihm nachgeeifert. Die Anteilnahme der Juden an der Kultur der christlichen Welt braucht hier nicht erörtert zu werden. Aber die starken Anregungen, die das jüdische Geistesleben von den islamitischen Völkern empfangen hat, sind unauslöschlich. In Sprachforschung und Exegese, in exakter Wissen* schaft, in Religionsphilosophie und in der Poesie hat sich der jüdische Geist an dem arabischen ent* zündet. Die tiefe Berührung des Judentums mit der Seele von Hellas ist durch das arabische Me* dium erfolgt und sie war viel fruchtbarer und nach* haltiger als jene, die anderthalb Jahrtausende zuvor unter denselben Himmelsstrichen stattgefunden hatte. Die größten jüdischen Dichter, Denker und Forscher des Mittelalters sind innerhalb des islamitischen Kulturkreises erblüht und ihre Prosawerke sind in arabischer Sprache abgefaßt. Allein, schon lange vor Mohammeds Auftreten bestand eine gegenseitige lebhafte Einwirkung zwischen Juden und Arabern. Den Menschen jener Zeiten war freilich das sogenannte Rassen* bewußtsein völlig fremd, allein die große Ver* wandtschaft der arabischen Sprache mit der he* bräischen mußte auffallen, und die Stammessagen der Araber führten deren Ursprung auf Ismael, den Sohn des Patriarchen Abraham, zurück. Noch edler dünkten sich die „echten"Araber, dieHimjariten des Südens, die ihre Herkunft von Joktan her* leiteten, dem Sohn des Eber, den die Bibel als den Stammvater aller Hebräer bezeichnet. Die Kaaba, das hochverehrte Gesamtheiligtum der Araber, ist der Sage nach von Ismael erbaut worden und die Kibla trägt die Spuren von Abrahams Fußtapfen, als er einmal seinen Sohn besuchte. Die heilige Quelle Semsem bei Mekka, welche den Pilgern köstliches frisches Wasser spendet, ist dieselbe, die der Engel, nach der wunderschönen biblischen Erzählung, Hagar, der Mutter Ismaels, sprudeln ließ, als ihr Sohn in der Wüste vor Durst ver* schmachtete. Alle diese sagenhaften Berührungs* punkte waren für die Menschen der Urzeiten kräftige Wirklichkeit und schufen eine Art von ge* meinsamem Band zwischen Juden und Arabern. So hatte sich denn das Judentum unter den Arabern, wenn auch nicht in seiner lautersten Form, früh* zeitig ausgebreitet. Ganze arabische Stämme hatten Juden zu Führern. Die Juden gründeten auf der Halbinsel sogar ein richtiges Königreich. Wie stark Mohammed bei seiner religiösen Schöpfung vom Judentum beeinflußt worden war, ist bekannt. Der persönliche Umgang mit weisen und gelehrten Juden, sowie der unmittelbare Ein* druck der Bibel haben auf die Gestaltung seiner Ideen eine tiefgehende Wirkung geübt Es hat den Anschein, daß Mohammed in seinem Leben eine Epoche hatte, in der er ganz nahe daran war, völlig das Judentum anzunehmen; aber sein vor* wiegend politisch und militärisch gerichtetes Na* turell, welches ihn vor allen Dingen dahin trieb, ein großes Reich zu gründen und mit der Gewalt des Schwertes sich Völker zu unterwerfen, hielt ihm davon ab, ganz Jude zu werden. Er wurde der letzte der Propheten, wie er Mose als den ersten anerkannte. Vom Judentum hat er das Höchste angenommen, den strengen Monotheismus, allein das Tiefste und Köstlichste im Judentum, das unmittelbare Verhältnis des Menschen zu Gott, ist ihm verschlossen geblieben. Als sich der Plan zu seinem Lebenswerk in Mohammeds Kopf krystallisiert hatte, führte er gegen die Juden blutige Kriege. Da sie sich zu seiner Religion nicht bekehren wollten, mußten sie aus dem Reich seiner Macht verschwinden. Auch später hat es an schweren Verfolgungen der Bekenner Mosis in den mohammedanischen Staaten nicht gefehlt. Gleich* zeitig aber sind einzelne Juden, darunter hervor* ragende jüdische Gelehrte und Schriftsteller, zu den höchsten Würden im Staat emporgestiegen, und wenn die Juden auch nie gleiches Recht mit den Gläubigen des Propheten genossen, so hat es anderseits der Islam niemals zu einem systematischen, organisiertenJahrhunderteandauerndenAusrottungs* kämpf gegen das Judentum kommen lassen. Die Türkei insbesondere hat seit dem Bestand ihrer Herrschaft in Europa außerordentliches Wohl* wollen den Juden erwiesen. Nach der Vertreibung der Juden aus Spanien und Portugal wäre vielleicht ein großer Teil unseres Stammes untergegangen, hätte nicht die Türkei den Heimatlosen gastlichihre Pforten geöffnet. Unter der Herrschaft des Halbmondes sind große und lebenskräftige jüdische Gemeinden erblüht. Man denke z. B. an Saloniki. Selbst der sabbathia* nische Schwindel, welcher in den Kreisen der Re* gierung als eine Art Rebellion angesehen wurde, hat die wohlwollende Gesinnung der türkischen Regie* rung nicht zu trüben vermocht. Alle Verfolgungen der Juden im türkischen Reich gingen vornehmlich von den Griechen aus und die türkische Regierung hatte alle Mühe, die Neuhellenen, die lieber die Tradi* tionen des Antiochos als die Alexanders des Großen befolgten, niederzuhalten. In derBlutbeschuldigungs* affäre von Damaskus hat die Hohe Pforte schließ* lieh ein Irade herausgegeben, welches die Erhebung der albernen und blutrünstigen Anklage im tür* kischen Reiche für immer verbot. Die Bildungs* und Regenerationsbestrebungen der Juden fanden bei hervorragenden türkischen Staatsmännern stets wohlwollende Förderung. So schrieb Nazy Pascha, der Gouverneur von Jerusalem, an das Zentral* komitee der Alliance im Jahre 1868, über ihr damals kaum inauguriertes Schulwerk in Palästina: »Ich fühlte es als meine wahre Pflicht, soviel als in meiner Macht lag, eine Institution zu fördern, die das edle Ziel verfolgt, durch den Schulunterricht einen so wichtigen Teil der ottomanischen Nation, wie die Juden, zu verjüngen . . . Abgesehen von der Sympathie, die jeder Aufgeklärte für eine so weitherzige und edelmütige Idee empfinden muß, wie die, welche Sie beseelt, bietet sie für mich ein besonders hohes Interesse, da sie die teilweise Lösung eines Problems bedeutet, dessen Wichtig* keit keinem entgeht, nämlich die Verbreitung des Elementarunterrichts in der Türkei . . . Ihre Ge* Seilschaft bietet der Welt ein edles und voran* leuchtendes Beispiel, indem sie zu Jerusalem Lehr* Stätten gründet, deren wohltuender Einfluß sich schon durch Tatsachen offenbart — hier in Jerusalem, dem Mittelpunkt der drei größten Weltreligionen, deren Anhänger unter ihren Bürgern zu zählen das ottomanische Reich stolz ist; auf diesem heiligen, allen gleich teuren Boden, wo der Koran, die Bibel und das Evangelium sich begegnen und einander brüderlich die Hand reichen.« Selten wohl sind aus dem Munde eines hohen Vertreters der Staatsgewalt schönere Worte der Toleranz gekommen, als sie dieser Würdenträger der Türkei gesprochen, dieser Türkei, die von Ruß* land als der Hort der Barbarei hingestellt wird.