Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 9-12 (September-Dezember 1914)
- Article
- Jakob Barth
- Date
- 1914-09-01
- Page
- Seite 681 - 682 (sequence 2)
- Language
- German
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681 Jakob Barth. 682 Liebe erschloß sich nur dem engen Kreis seiner Schüler, die ihm fast wie die Angehörigen seiner Familie teuer waren. Er war einer der größten Orientalisten unserer Zeit, sein außerordentlicher Scharfsinn, verbunden mit einer genialen Korn* binationsgabe, machte ihn zu einem der bedeutendsten Grammatiker aller Zeiten, der die feinsten Zusammenhänge im Bau der Sprache enträtselte und deren geheimes Wachsen und Werden belauschte. Seine Arbeiten auf dem Gebiete der semitischen Sprach* künde waren bahnbrechend und be? xeiteten das große Werk der vergieß chenden Grammatik dieser Sprachen vor. Die Lösung vieler verwickele ter Probleme ist ihm endgültig gelungen. Von größter Bedeutung sind seine Forschungen zur Kunde des Hebräischen und Arabischen. (Seine Editionen arabischer Schrift? steller gehören zu den gediegen? sten Leistungen dieser Art.) Seine souveräne Beherrschung der hebrä? ischen und spätrabbinischen Literatur gab ihm bei seinen Forschungen ein Rüstzeug an die Hand, über welches nur wenige seiner Fachgenossen ver? fügten; so hat er denn auch zur Aufhellung dunkler Partien der Bibel sowie des Talmud Grundlegendes beigetragen. Fast noch ein Jüngling, wurde er Dozent an dem von seinem nachmaligen Schwieger? vater R. Israel Hildesheimer s. A. gegründeten Rabbinerseminar und nicht lange darauf erhielt er Takob Barth an der Universität die venia legendi für semitische Philologie. Eine seiner hervorragenden wissen? schaftlichen Bedeutung angemessene äußere Stellung ist ihm nicht zuteil geworden. In Gesinnung und Leben ein Orthodoxer strengster Richtung, bekundete er gegenüber Andersdenkenden jene vornehme Toleranz voller Herzensgüte, die wahrhaft frommen Naturen eigen ist. Seine wissenschaftlichen Leis? tungen sichern ihm ein unver? welkbares Gedächtnis, und allen, denen es vergönnt war, ihn als Menschen und als Juden näher kennen zu lernen, wird er unver? geßlich bleiben. Ein tragisches Schicksal wollte es, daß ihm im Tode ein junger hoffnungsvoller Sohn vorangegan? gen ist, Dr. Heinrich Barth, der als Arzt auf dem westlichen Kriegsschauplatze, so fern von den Seinigen, gefallen ist, nach? dem er wenige Tage zuvor für Tapferkeit vor dem Feinde mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden war. Zwei streng orthodoxe Juden, Schwiegersohn und Enkelkind des Großmeisters der deutschen Orthodoxie, von denen der eine als Sprachforscher von europäischem Ruf, der andere mit dem Ehren? zeichen soldatischer Tapferkeit auf der Brust vor dem Feinde stirbt, — man kann sich kein erhebenderes Symbol für den Wert des jüdischen Stammes und seiner Lehre denken, rrawn JUDENTUM Von A. Unter den jüdischen Volksüberlieferungen anek? dotenhafter und humoristischer Natur gibt es eine besondere Art, die man gern apologetische nennen möchte, und von denen man schon im Talmud und Midrasch manche findet. Sie erzählen von Dis? kussionen, in denen Juden gegen Andersgläubige ihre Religion erfolgreich verteidigen. Es ist bezeichnend, daß niemals der Jude der angreifendeTeil ist, er wehrt sich stets gegen die Angriffe der anderen. Meist knüpfen sich diese Anekdoten an die Namen be? rühmter Gelehrten und Führer, vielfach aber sind es auch einfache Männer aus dem Volke, die taktvoll und witzig einen gegen ihre Religion geführten Streich abzuwehren wissen, wie es schon Gabiha ben Pasisa in talmudischer Zeit zu tun verstand. Von dem nicht nur auf jüdischem Gebiete als ge? lehrt bekannten Rabbi Löb Nathansohn, dem Vater des in der ganzen Judenwelt hochberühmten nachmaligen Rabbiners von Lemberg Josef Saul Nathansohn, wird folgende kleine Diskussion über? liefert. Ein Graf Potocki, Herr zu Brzezany, dem Wohnort der Nathansohns, sagte einmal zu Rabbi Löb Nathanson: »Ihr Juden rühmt euch, daß eure Religion die Mutter aller Religionen der zivilisierten Menschheit sei. Ist es da nicht merkwürdig, daß alle ihre Töchter sich gegen sie empört haben, daß alle so schlecht als möglich auf sie zu sprechen sind und kein gutes Haar an ihr lassen? Wenn alle Töchter sich gegen eine Mutter erheben und sie einstimmig tadeln und verdammen, so muß doch wohl die Mutter wirklich nicht viel wert sein. Und UND ISLAM. Kahn. nun schimpfen alle christlichen Konfessionen sowie der ganze Islam über die Religion, der sie ent? sprossen sind; da muß doch wohl etwas daran sein.« Rabbi Löb Nathansohn antwortete darauf: »Dieses Argument könnte ich gelten lassen, aber nur dann, wenn dieTöchter untereinander in schönstem Frieden und ungetrübter Familienharmonie lebten, wie es sich für Schwestern geziemt. Da aber die Töchter sämtlich von jeher im ewigen Hader und Streit ver? harren und die heftigsten Anklagen gegeneinander erheben, so kann ihre einstimmige und unablässig wiederholte Verunglimpfung der Mutter nicht als Beweis gegen diese angeführt werden.« In der Tat, es wäre schwer zu unterscheiden, ob die Juden von der einen oder der anderen Tochter ihrer Religion mehr gelitten haben. Es muß aber auch anerkannt werden, daß trotz aller Bedrückungen und Verfolgungen, die die Bekenner des Judentums von denen der beiden anderen monotheistischen Reli? gionen erlitten, in diesen beiden doch stets ein, wenn auch vorwiegend geflissentlich unterdrücktes starkes Gefühl der Abhängigkeit und der Dank? barkeit lebte, das bisweilen rührenden Ausdruck fand. Die Juden ihrerseits waren stets ängstlich darauf bedacht, das spezifisch Religiöse an Christen? tum und Islam von sich fernzuhalten, in dem stolzen Bewußtsein, daß jede Alteration des Judentums nach einer dieser beiden Richtungen nichts weniger als eine Verbesserung und Höherbildung bedeuten könnte. Dagegen haben sie in organisatorischer sowie besonders in kultureller Beziehung stets das