Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 9-12 (September-Dezember 1914)
- Article
- Palästina als Kriegsland
- Date
- 1914-09-01
- Page
- Seite 679 - 680 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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679 Dr. Alphons J. S,:ssnitzki: Palästina als Kriegsland. 680 Die Straße von Gaza nordwärts wiederum führte durch die Niederungen von Judäa und Samaria, und mündete in der Ebene von Jisreel in eine andere, die von Osten her nach Akko lief. Diese vielbesuchte Karawanenstraße aus dem Osten führte von Babylon an den mittleren Euphrat, dann durch jene arabisch-syrische Wüste, in welcher nachmals Palmyra prangte, und überschritt nach einer kurzen Strecke auf der Ostseite des oberen Jordan diesen Fluß und lief durch die Ebene von Jisreel an das Meer aus. Kurz bevor sie den Jordan erreichte, mündete in sie jene Straße von Gilead her, welche wir schon zu Josephs Zeiten benutzt finden; und daß auch in der Ebene von Jisreel die Straße von Gaza her in sie einfiel, haben wir eben gesehen. Vermutlich aber ging gleichfalls von Gaza aus die Bahn, welche von Palästina nach Aegypten führte/' Ein reiches, vielgestaltiges Leben wickelte sich auf diesen Straßen ab, wo von der Steppe und der Wüste, von den Städten und der Meeresküste sich die Menschen in buntem Gewimmel zusammenfanden. Nomaden trugen die kostbare Wolle ihrer Schafe nach den phönizischen Städten, wo das Rohmaterial in leistungsfähigen Webereien zur Verarbeitung gelangte; Beduinen schafften Gold, Edelsteine und Gewürze aus Arabien, Elfenbein und Ebenholz aus Aethiopien sowie die hochgeschätzten Produkte Babylons herbei; und mit den aus Indien oder von noch weiter her bezogenen Waren trieben Kaufleute einen schwunghaften Handel. Aus all dem aber zogen die Bewohner Kanaans ihren Nutzen, sei es unmittelbar in Form des Kaufmannprofits, sei es mittelbar, indem der Staat durch die erhobenen Zölle bereichert wurde. Palästina galt als Dorado. Es war das Land, wo nicht nur Milch und Honig fließt, sondern wohin sich auch das Geld in Hülle und Fülle ergießt. Mit Neid und grimmem Haß sahen die Nachbarn der nächsten Umgebung dem Aufschwung zu und trachteten danach, diesem Zustande ein Ende zu bereiten. Sie bedrohten die Grenzen, fielen räubernd ins Land ein, beunruhigten die Bevölkerung, störten den Handel und zeigten sich unermüdlich und unerschöpflich in den Versuchen, den aus Habgier befehdeten Gegner niederzuringen. Mehr aber noch als das wirtschaftliche Moment gereichten die politischen Bedingungen Palästina zum Verhängnis. Als Binnenland war es zugleich der Pufferstaat, der im Zusammenstoß der in der Umgegend befindlichen feindlichen Völker den ersten Anprall auszuhalten hatte. Und je mehr die Expansionspolitik in der damaligen Zeit an Boden gewann, um so häufiger und um so stärker wurde Palästina in die Kämpfe der Groß Staaten mit verwickelt. Bald waren es die Aegypter, die das Land besetzten, um von da aus weiter über Syrien nach dem Euphrat vordringen zu können; bald wiederum waren es die Assyrer und Babylonier, die durch die Eroberung Palästinas sich den Weg für einen Einfall in ägyptisches Gebiet frei zu halten suchten. So ward das Heilige Land zum beständigen Kriegsschauplatz, auf dem große und übermächtige Völker mit wechselvollem Geschick ihre Fehden auszukämpfen pflegten. Daß derlei Zustände für Land und Leute auf die Dauer von größtem Verhängnis werden mußten, versteht sich von selbst. Hatte doch die Bevölkerung außer den Verheerungen als Folge der in eigener Sache geführten Kriege nun auch noch die fürchterlichen Leiden zu ertragen, welche die fremden Armeen, die für ganz andere Interessen kämpften, ins Land brachten. In der Tat sehen wir, wie Palästina und Israel hinfort mit unaufhaltsamer Schnelligkeit dem Untergange entgegensteuert. Denn durch die ewigen Kriege wurde nicht allein das Gemeinwesen zerrüttet, sondern auch das nationale Leben vernichtet. * * Auf diesem historischen Boden sollen sich nun in nächster Zeit von neuem gewaltige Kriege und welterschütternde Ereignisse abspielen. In Syrien und Palästina hat die türkische Regierung außerordentlich große Heeresmassen zusammengezogen. So wurden beispielsweise in Jerusalem, wo sonst kaum mehr als dreihundert Soldaten sich befinden, dergestalt, daß militärischerseits bereits der Vorschlag zur gänzlichen Aufhebung der Garnison gemacht worden ist, in letzter Zeit mindestens 25 000 Mann zum Militärdienst herangeholt. Schon dringen die ersten Kriegsnachrichten zu uns herüber. Türkische Truppen hätten die nahe bei Gaza beginnende, zwischen Kalaat und Akaba verlaufende ägyptischpalästinensische Grenze überschritten; einige tausend Beduinen, die Vorhut des Türkenheeres bildend, wären in die Halbinsel Sinai eingefallen. Ein englischerseits unternommener Versuch, Truppen bei Akaba zu landen, wäre von den Türken vereitelt worden, die den Golf durch Minensperre unbenutzbar machten; hingegen hätte türkisches Heelden an der Küste des Mittelmeeres befindlichen kleinen Hafen El Arisch in Besitz genommen und dränge nun in Eilmärschen dem Suezkanal zu. Es ist die Geburtsstunde einer neuen Zeit, und wieder einmal steht an ihrer Wiege das alte, ehrwürdige, leidenvolle und dennoch immer jugendliche, zukunft verheißende Heilige Land. JAKOB BARTH. Am Sabbath, den 24. Oktober, ist Prof. Dr. Jakob Barth in Berlin gestorben. Sein Name ge* hörte nicht zu denen, die auf dem lauten Markt des Lebens erklingen, aber mit um so größerer Hochachtung nannte ihn eine erlesene Schar von Gelehrten im Vaterland und in der Fremde; und sein innerstes Wesen, seine Seele mit ihrem un* erschöpflichen Reichtum an Güte, Zartheit und