Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 9-12 (September-Dezember 1914)
- Article
- Krieg und Kultur
- Date
- 1914-09-01
- Page
- Seite 663 - 664 (sequence 2)
- Language
- German
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663 Fabius Schach: Krieg und Kultur. 664 Produktivität ausgibt und Karikaturen erzeugt. Was wir beispielsweise heute auf der Bühne als patriotische Kunst ansprechen, das ist häufig ein öder Mechanismus, ein Fabrizieren nach einer Schablone, ohne jeden dauernden Wert. Parallel damit sehen wir auf sozialem Gebiete eine geradezu herzerfrischende Opferwilligkeit, eine seltene Einmütigkeit im Geben und Sichhingeben. Es ist, als wenn jeder im Volke den Trieb fühlt, wenigstens etwas für die große Sache der Gemeinschaft zu tun. Aber auch hier ist eine Vernachlässigung wichtiger sozialer Aufgaben damit verbunden, und gar manche Zweige am sozialen Baume verdorren, weil ihnen die Pflege fehlt. Vor allem aber fällt ins Auge der einheitliche Zug im Volke. Von wenigen Elementen, die ohne Hader nicht leben können, abgesehen, wird man wohl sagen dürfen, daß die Parteien und Richtungen in Deutschland zwar nicht aufgehört, wohl aber für den Augenblick jede Bedeutung verloren haben. Wir sehen eben die Welt von der Vogelperspektive aus, und all die kleinen Differenzen erscheinen uns angesichts des großen Lebensproblems nichtig und ohne Interesse. Dieser Zug wäre im höchsten Grade erfreulich, wenn nicht damit eine gewisse Verschwommenheit verbunden wäre. Eine Ueberbrückung der Gegensätze ist eine schöne Sache, eine bloße Verhüllung aber ohne großen Wert. Auch der Nebel verwischt die Konturen der Natur und zaubert uns eine seltsame Harmonie vor, die Konturen treten aber dann, wenn der Nebel sich verzieht, um so schärfer hervor, und die Fata Morgana hinterläßt kaum eine Erinnerung in unserer Seele. Als Facit wird man wohl sagen dürfen: Wrir sind groß geworden im Lieben und Hassen, im Empfinden, im instinktiven Leben, in der Ausstrahlung der Leidenschaft, aber nicht im Denken. Der Kriegs stürm hat viel Krankes verweht — das neue Gesunde muß erst aufgebaut werden. * * Dieser allgemeine Rahmen mußte zuerst, wenigstens in großen Zügen, skizziert werden, weil erst daraus die Psyche der deutschen Juden im gegenwärtigen Kriege deutlich hervortritt. Man versteht den Juden nicht, wenn man seine Eigenart, das Historische, das in ihm wirkt, die alten Klänge, die in seiner Seele nachtönen, nicht kennt. Man versteht ihn aber auch nicht, wenn man das Milieu, in dem er lebt, und all die Einflüsse, die auf ihn einwirken, nicht berücksichtigt. Daß wir auch im Kriege nicht aufgehört haben. Juden zu sein, das zu leugnen, wäre Torheit und Mangel an innerer Würde. Das jüdische Element in uns hat die Fähigkeit, mit allem Großen und Schönen zu verschmelzen, ohne sich ganz zu verlieren. Es lebt in uns und beeinflußt bewußt oder unbev. ßt unser Tun und Handeln, unser Denken und Empfinden. Bei allen Seelenerregungen spricht das Jüdische in uns mit. Ja, wir sind auch in diesem Kriege nicht nur Söhne des deutschen Vaterlandes, sondern auch Abkömmlinge des alten israelitischen Stammes, Bekenner der jüdischen Weltanschauung. Und daraus schöpfen wir unsere stärkste Kraft. Unsere Söhne kämpfen auf dem Felde der Ehre als Deutsche und als Juden, und je bewußter sie sich ihres Judentums werden, desto tapferer und begeisterter treten sie für die deutsche Sache ein. Und wir, die wir unsere Pflicht hier in der Heimat tun, wir wirken auf sozialem und vaterländischem Gebiete als Deutsche und als Juden. Das ist kein Widerspruch, sondern eine von der Natur gegebene psychische Disposition. Nicht eine Seele sollen Deutschtum und Judentum bilden, sondern zwei Seelen, zwei Seelen, die einander befruchten und bereichern. Fragen wir uns also: Wie präsentiert sich das jüdische Seelenleben Deutschlands in diesem Kriege? Welche geistige und moralische Vor- und Nachteile brachte uns diese große Zeit? Als erfreuliches Moment erscheint uns zunächst das Schwinden des Parteigeistes, die Einheit des Vaterlandes. Es ist, als wenn man selbst nicht mehr begreift, warum man sich eigentlich befehdet hat. Man schämt sich beinahe, den Bruder wegen kleinlicher nichtiger Dinge bekämpft zu haben. Wir Juden, die wir stets die Bruderhand ausstreckten, und die die höchste Sehnsucht nach Menschenliebe in uns tragen, begrüßen diesen Zustand freudigen Herzens. Ob er von Dauer bleiben wird, mag wohl fraglich sein. Jedenfalls aber wird er, wie alles Schöne, das auch hur kurze Zeit lebt, Gutes zeitigen. Nur liegt die Gefahr der Nivellierung hier sehr nahe. Bei aller Betonung der gemeinsamen Interessen darf aber die Individualität, der allein alle Kraft entspringt, keinen Schaden leiden. In dieser Epoche des nationalen Gedankensliegt auch die Gefahr nahe, daß die jüdische Einheit in den Hintergrund tritt. Und das wäre für die Zukunft das schlimmste. Wir dienen der großen Gemeinschaft am besten, wenn wir unsere Kraft aus unserer jüdischen Eigenart schöpfen. So zeigt uns diese Kriegsepoche eine Fülle wach gewordener jüdischer Seelenkräfte, die bei einer richtigen Taktik nicht nur für den Augenblick, sondern auch für die Zukunft sehr fruchtbar gemacht werden könnte. Nur muß gerade in einer Epoche des Sturmes und 'des Dranges gemahnt werden, nach Klarheit und Wahrheit zu streben. Wir alle hoffen, daß der Sieg der guten Sache nicht ausbleiben wird. Sorgen wir dafüry daß er gute, dauernde Früchte für uns als Glieder der großen Gemeinschaft und als Juden zeitigt. Bewahren wir uns den klaren, gesunden Sinn, Arbeiten wir am Guten mit und halten wir uns fern von jeder Verirrung.