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Ost und West · 1914-08-01 · Heft 8 (August 1914) · p. Seite 563 - 564

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Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 8 (August 1914)
Article
Repins Jude
Date
1914-08-01
Page
Seite 563 - 564 (sequence 1)
Language
German
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563 Repins Jude. 56^ REPINS JUDE. Zum 70jährigen Geburtstag des russischen Meisters. Des russischen Meisters Ilja Repin 70. Geburtstag wird am 6. August in ganz Rußland feierlichst begangen werden. Ueber die großen Qualitäten und Schwächen dieses orthodox - slawischen Malers an dieser Stelle einzugehen, liegt kein unmittelbarer Grund vor. Nur zwei Bilder sollen hier wiedergegeben werden, die die Leser dieser Zeitschrift interessieren dürften, als Huldigung an den Künstler, der auch durch vornehme politische Gesinnung sich Achtung errungen hat. — Das Porträt des jungen Antokolski erinnert in der Auffassung und spezifischen Eleganz an die Pariser Porträts jener Epoche. Dieses Bild ist wahrscheinlich zu der Zeit entstanden, da beide Künstler in Paris lebten. Das Porträt sieht gar nicht Repinsch aus, hat vielmehr etwas Manetartiges (nicht in der Malweise, sondern in der Auffassung des Modells . Bei dieser Gelegenheit soll gerade hier bemerkt werden; Antokolski wird in vielenSchichten noch bis auf den heutigen Tag sehr stark überschätzt. "Was ihm noch immer Wert verleiht, das ist das rein menschliche Element in seiner Kunst. Das Menschliche freilich reicht nicht hin, künstlerische Qualitäten zu ersetzen; dieses Element kann aber so sehr gesteigert sein (und das ist bei Antokolski der Fall!), daß es gleiche Emotionen wie das Künstlerische hervorruft. Die Wirkung wird dann so nachhaltig, daß man solch einen Künstler, der für „abgetan" erklärt wird, wieder und wieder „entdecken" wird. In diesem Zug weist gerade Antokolski eine Verwandtschaft mit dem freilich unvergleichlich stärkeren, reicheren und komplizierteren Repin auf. J. Repin Porträt des Bildhauers Antokolski Das zweite Bild, das wir wiedergeben, stellt einen alten Juden dar. Mir ist nicht bekannt, daß Repin sich auf irgendeine Weise für Juden interessiert hätte, aber da er an dieses Problem, beim Anblick solch eines alten Kopfes, herangetreten ist, hat er mit viel Klugheit und Intuition in diesem Kopfe ein Denkmal dem russischen Judentum gesetzt, einer Welt, die wohl im Aussterben begriffen ist. Dieser Repinsche Alte ist keine Jammergestalt, kein Goluspatriarch, kein schwächlich süßlicher und daher selbstgenügsamei Talmudbeflissener, kein Heimatloser, kein mit dem ganzen Weh der Nation Beladener usw., wie der ,,alte Jude" so unzählige Male und höchst unnützerweise abkonterfeit worden ist. Kurz, der Repinsche ist keiner von all den Charakterköpfen", die in neunundneunzig von hundert Fällen gröbster Kitsch sind. Aus diesem Alten spricht ein durch die Jahre temperierter Fanatismus, eine Abgeklärtheit, eine ruhige Kraft, eine große Toleranz, entstanden aus Verstehen und Güte, ein ethischer Ernst, dem jede Nörgelei, jedes Flennen um das nationale Elend fern sind, der jede geschichtliche und soziale Re flexion überwunder hat. Es ist dies wie gesagt, ein( ganz besondere Welt die "Welt der mora lischen Kraft, de: "Weisheit und Güü und jenes Nicht- Wissen-Wollen um das Böse, un das Tolstoj mit sc großem Aufwanc von Willen (nich. Herzen) rang. Diese jüdischrussische Welt stirbt aus. Politisch-sozialer Drang, Kampf. Bewußtsein, Wege und Ziele sind an dessen Stelle getreten, und da. Streben, am Webstuhl der Zeit" mitzuschafTen. Paul Barchan. St. Petersburg

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