Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1914-06-01 · Heft 6 (Juni 1914) · p. Seite 443 - 444

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 6 (Juni 1914)
Article
Aus den Wundergärten der Aggada
Date
1914-06-01
Page
Seite 443 - 444 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2583875-2584047-2584053-2596723--15666-2596767
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

443 Aus den Wundergärten der Aggada. 444 siebenten nicht schon? — E. Geniba erklärte: Denkt euch einen König, der ein schönes Brautgemach herrichtet, es mit schönen Malereien und Schnitzereien ausschmückt. Wen erwartet das Brautgemach, damit alles darin vollkommen sei? Die Braut! So auch hier. Die AVeit war fertig. Was fehlte noch, damit sie vollkommen sei? Die Fürstin Sabbat! Darum heißt es: am siebenten Tage war das Werk Gottes vollendet. * ,,Den Menschen, den er geschaffen hat",, heißt es im Buche der Schöpfung. Gott ist stolz auf seine Welt und spricht: Seht euch' die Geschöpfe an? die ich1 geschaffen, und die Gestalten, die ich gebildet habe. ,,Das ist die Geschichte Himmels und der Erden, als sie erschaffen worden sind." Ihr Schöpfer lobt sie, wer wagt es, sie zu tadeln? Ihr Schöpfer heißt sie gut, wer wagt es, an ihnen zu mäkeln? Nein, schön sind sie, trefflich sind sie. Das Licht, die Sonne, der Mond, die Sterne. Babbi Simeon ben Jehozadak fragte Eabbi Samuel bar Nachäman: Da ich gehört habe, daß du ein Meister der Aggada bist, so sage mir: woher ist das Licht erschaffen worden? — ..Gott hüllte sich in ein weißes Gewand, und der Glanz seiner Herrlichkeit erstrahlte von einem Ende der Welt bis zum andern." Als Gott daran ging, das Licht zu erschaffen, sprach er zum Fürsten der Finsternis, der in der Gestalt eines Stieres über dem Chaos hockte: Hebe dich hinweg von dannen, denn ich will die Welt im Licht erschaffen. Und weichst du nicht willig, so banne ich' dich mit meinem Wort; denn nur im Licht soll meine AVeit erschaffen werden! „Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht!" * Babbi Elazar sagte: Das Licht, welches Gott am ersten Tage erschaffen hatte, war so stark, daß der Mensch darin von einem Ende der Welt bis zum andern sehen konnte. Aber als Gott die Bösewichter betrachtete und ihre verderbten Taten sah, stand er auf und verwahrte das Licht. Für wen bewahrt er es auf? Für die Gerechten in der kommenden Welt. * ,,Sein Reitwagen ist purpurglänzend", heißt es im Hohenlied. Damit ist die Sonne gemeint; die schwebt hoch oben und steigt morgens in purpurschimmerndem Wagen empor und erleuchtet die Welt und fährt daher, sieghaft und jubelnd und bekränzt, wie ein Bräutigam. So singt doch der neunzehnte Psalm: „Helios1) Auch das hebräische Wort für Sonne (Scheinesch) ist masculin. gleicht einem Bräutigam, der aus dem Brautgemach hervorschreitet.'4 * Was denkt ihr euch von der Sonne? Eine Hülle hat sie an, und vor der Hülle fließt ein Bächlein daher, und bevor die Sonne aufgeht, kühlt Gott ihre Glut im Wasser des Bächleins; sonst würde die Welt gar bald in Flammen stehen. * Rabbi Lewi sagte: Warum hallt die Stimme des Menschen bei Tag nicht so laut wie bei Nacht? Sie wird übertönt von dem Hallen des Sonnenballs am Himmelsgewölbe, das gleicht dem Krachen eines Baumf.ällers im Zedernwalde. Wiäre nicht der Sonnenball, das Brausen der Weltstadt (Eom) würde vernehmbar; wäre nicht das Brausen der Weltstadt, das Hallen des Sonnenballs würde vernehmbar. Dreierlei Stimmen tönen von einem Ende der AVeit zum andern, während die Menschen dazwischen wandeln und keinen Laut vernehmen: die hallende Stimme des Sonnenballs am Himmelsgewölbe, das Gebrause der Weltstadt und das Stöhnen der Menschenseele, wenn sie den Körper verlassen muß. * Am Abend sprich: Ewiger, mein Gott, möchtest du mich aus der Finsternis ans Licht führen. Des Morgens sprich: Ich danke dir, Ewiger, mein Gott, daß du mich aus dem Dunkel herausgeführt hast. Am Nachmittag sprich: Ewiger, mein Gott, gleich wie du mir gewährt hast, den Sonnenaufgang zu sehen, so gewähre mir, den Sonnenuntergang zu sehen. * Wer die Sonne in ihrer Pracht, den Mond in seinem Vollglanz, die Wandelsterne in ihren Bahnen erblickt, der spreche die Lobpreisung: Gelobt sei der Schöpfer der Urwesen. * Was der neunzehnte Psalm singt: ,,Ein Tag flüstert dem andern die Bede zu", das geht auf die vier Jahreszeiten. Am Anfang des Frühlings und am Anfang des Herbstes sind Tag und Nacht gleich. Den ganzen Frühling hindurch borgt der Tag bei der Nacht, und den ganzen Sommer lang zahlt er ihr das Geborgte zurück: den Herbst hindurch' borgt die Nacht beim Tag, und den ganzen Winter lang zahlt sie ihm das Geborgte zurück. Am Anfang des Frühlings und am Anfang des Herbstes hat sich die Rechnung ausgeglichen, keiner ist dem andern was schuldig. Sie borgen voneinander im stillen, und im stillen zahlen sie einander1 zurück, kein lebend Wesen vernimmt einen Laut von dem, was zwischen ihnen vorgeht. ,,Keine Bede und keine Worte! Ihre Stimme wird nicht v ernomm en." Talm udicus. (Fortsetzung' folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.