Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1914)
- Article
- Der Schöpfer der neuen Seelenkunde
- Date
- 1914-06-01
- Page
- Seite 435 - 436 (sequence 2)
- Language
- German
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435 Theodor Reik: Der Schöpfer der neuen Seelenkunde. (Prof. Sigmund Freud) 435 Philosophie und Religion. — Professor Freud blieb nicht bei der Erforschung dunkler Vorgänge des individuellen Seelenlebens stehen. Die analytische Betrachtung des Völkerlebens brachte die fruchtbarsten Resultate. Auf die Entwicklung sozialer und religiöser Institutionen hat die Kenntnis unbewußter Phänome ein helles und stetiges Licht geworfen. Sie hat uns gezwungen, umzulernen, indem sie die ausnahmslose Determinierung psychischer Vorgänge bewiesen hat und dieser die größte Bedeutsamkeit zuschreibt. Viele Bücher und Zeitschriften zeigen, wie reich die Ernte ist, deren Samen Freud gesät hat. In fast allen Teilen der zivilisierten Welt haben Aerzte die psychoanalytische Methode erfolgreich in der Behandlung ihrer Patienten angewendet. In Wien, Berlin, London und New York bestehen große Vereinigungen, welche sich die Erweiterung und Vertiefung des von Freud ausgegangenen Wissens eifrig angelegen sein lassen. Es kann hier nicht ausführlich erörtert werden, wieviel das Judentum als latente Potenz an der Begründung der neuen Wissenschaft beteiligt war. Sicher scheint mir zu sein, daß jener vom Praktischen ausgehende, die Fassade durchdringende und bis in verborgene Tiefen spürende Blick jüdisches Erbteil ist. Wo sich der Wissensdrang anderer Psychologen zufrieden gab, da beginnt erst die Forschungsarbeit Freuds. Die Resultate seiner wissenschaftlichen Bemühungen sind gewiß auf keine Nation und Konfession beschränkt; doch der Weg, auf dem er zu ihnen gelangte, weist die Spuren auf, welche die Wirksamkeit von Jahrhunderte alter jüdischer Geistesbetätigung gezogen hat. Daß die Einstellung zur Familie den Kernkomplex aller Neurosen ausmacht, daß sie im normalen Seelenleben den stärksten Einfluß ausübt und ihr die schöpferische Kraft aller Kulturbildungen entstammt, ist nun zum eisernen Bestandteil unserer Kenntnisse geworden; es hat a 11 - gemeine Geltung. Doch daß ein Jude diesen verborgenen Zusammenhang fand (zuerst, wie die Traumdeutung lehrt, bei sich fand), ist gewiß kein Zufall. Seit jeher sind die Juden als scharfsichtige Diagnostiker bekannt. Ihre Gabe zum Erkennen verborgener Ursachen hat in der Lehre Freuds ihren Höhepunkt und ihre stärkste Bestätigung gefunden. Es darf an dieser Stelle nicht vergessen werden, daß Freud, in einer Welle von vehementer Gegnerschaft und intriganter Feindseligkeit lebend, aus seinem Judentum niemals ein Hehl gemacht hat. Man wird in der „Traumdeutung" ein Stück der inneren Entwicklung wiederfinden, welche aus dem deutschnationalen Studenten einen sich seiner Stammeszugehörigkeit voll bewußten Mann machte; man wird über die Wirkung, welche Theodor Herzls „Neues Ghetto" auf den Meister psychologischer Erkenntnis machte, nachlesen können. Man wird aus den darauffolgenden Aufzeichnungen erkennen, wie schwere Gedanken um die Zukunft des Judentums in Freud lebendig waren. An mancher Stelle der „Psychopathologie des Alltagslebens" erscheint das Judenproblem bedeutsam an der Bildfläche. Der jüdische Witz mit seinen Eigentümlichkeiten wird in dem Buche „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten auf seine psycholgische Grundlage geprüft. Schließlich sei darauf verwiesen, daß in dem letzten Werke Freuds, „Totem und Tabu", die tiefsten Aufklärungen über die Psychogenese des semitischen Opferwesens gegeben werden. Noch Heine sprach es aus, daß der Taufschein das Entreebillet zur europäischen Kultur bildet. Unter den Kulturträgern jüdischer Abstammung in unseren Tagen ist Sigmund Freud heute sicherlich einer der hervorragendsten, und doch hat er seine Zugehörigkeit zum Judentum niemals verleugnet. Nicht nur der Ernst und die aller erbitterten Gegnerschaft ruhig entgegenstehende Größe seiner wissenschaftlichen Arbeit, sondern auch ■- dieser starke Zug möge uns Jüngeren allen ein Beispiel werden, das unsern Mut anfeuert und uns mit Stolz erfüllt. DAS HERZENSKAMMERLEIN DES WUNDERRABBI. Von S. M e i s e 1 s. Es war einmal ein Knabe, der hieß Rüben (Reüben). Er war schön und wohlgestaltet, lerneifrig und begabt, gesund und kräftig, dazu noch rechtschaffen und gehorsam. Er hatte kluge und helle Augen, die mutig und treuherzig in die Weit blickten, ein „echt jüdisches" Köpfchen, das manchen schwierigen Lerngegenstand mit Leichtigkeit faßte, und in seinem kleinen Herzen ruhte bereits eine große Güte. Die Leute im Städtchen, in dem seine Eltern wohnten, hatten an Rüben ihr Wohlgefallen und liebten ihn gar sehr. Und seine Eltern legten alle Gluten der Liebe, deren ein Elternherz fähig ist, in den Klang seines Namens hinein. So wuchs unser Junge heran in körperlicher Gesundheit und geistiger Kraft, den Menschen ein Wohlgefallen, der Mutter eine Freude und dem Vater eine große Hoffnung. In demselben Städtchen lebte auch ein Rabbi, der Wunder wirken konnte. Er besaß einen Stab, von dem die Leute sagten, daß er von Baalschem herrühre, und mit dem er die unmöglichsten und wunderbarsten Taten vollbrachte. Da kam zu ihm mancher Lahme, der weder gehen noch stehen konnte, und der Rabbi gab ihm seinen Segen und