Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1914)
- Article
- Max Westfeld
- Date
- 1914-05-01
- Page
- Seite 345 - 346 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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345 Karl 8chwarz: Max Westfeld. 346 stille Natur, die sich liebevoll in die Erscheinung ver* senkt, sie durchstudiert und dem inneren Wesen geheime Töne zu entlocken sucht. Das Porträt ist ihm nicht nur Persönlichkeitsdarstellung, sondern Erscheinungsobjekt im wahren Sinne des Wortes, d. h. er komponiert es in jeder Beziehung, in Form und Farbe. Und genau so faßt er die Landschaft auf, jedoch in umgekehrtem Werdeprozeß. Sie bietet sich dem Auge als Erscheinung und empfängt durch die schaffende Kraft des Künstlers etwas Persönliches; sie wächst zum Erlebnis empor, da die Erdscholle zu atmen und die Baumkrone zu sprechen beginnt. Das Porträt des Vaters kennzeichnet den An* fang, da noch mit erlernten Mitteln gearbeitet wird. Das Porträt des Bildhauers J. versucht bereits eigene Wege einzuschlagen und wirkt ruhiger und ge* schlossener, ebenso das Porträt der Frau Dr. J. Nun kommt die Kluft, die zu überspringen die Eroberung des eigenen Landes bedeutet: das Profil* bildnis und die Manicure erreichen bereits dieselbe Stufe, da der Werdende zum fertigen Meister ge* worden und seine Hand der Führung des schöpfe* rischen Willens mühelos folgt. Besonders das letzt* genannte Werk weist dem Künstler einen beachtens* werten Platz an. Am besten läßt es sich mit dem stimmungsvollen Landschaftsbild vom Niederrhein zusammenstellen. Und selbst in der Kindergruppe spüren wir das verständnisvolle Eingehen auf die Individualität, was bei so jugendlichen Physiognomien eine besondere Schwierigkeit bedeutet. Kein Genie, aber ein auf gesunder Grundlage basierendes und stets zu weiterer Fortentwicklung strebendes, ehrliches Können zeigen die Werke Max Westfelds. Keine Werke, die einer langen Erklärung oder tiefsinnigen Deutung bedürfen — sie sprechen für sich in schlichter Einfachheit und werden ihrem Schöpfer weitere Freunde gewinnen. TANCREDS PILGERFAHRT.*) Von Benjamin D i s r a e 1 i ihrem Untergang nahe, übersetzt von Dr. Oscar Le vy- London. Die Sonne war ihrem Untergang nahe, der druck eines langen, frommen Nachdenkens; er jrelle Glanz aer Landschaft hatte etwas milderen hatte in leidenschaftlicher Träumerei die letzten Farben Platz gemacht, und die Hitze war durch Stunden verbracht und erblickte mit Entzücken einen frischen Abendwind weniger drückend gejetzt die untergehende Sonne. worden. Eine Karawane mit vielen Kamelen und „Der Weg zur Rechten führt nach Bethanien." Männern in reichen, glänzenden syrischen Ge- Diese letzten Worte, die er von einer menschwändern wand sich gerade um die Hügel herum; liehen Stimme gehört der Himmclfahrtskirche auf dem Oelberg entström ten soeben die Gläubigen, die dort ihr Gebet verrichtet hatten und zerstreuten sich über den Hügel, auf dem viele glänzende und malerische Gruppen sich dem Auge darboten; aus1 der Ferne ertönte dei Klang der türkischen Musik und der Gouverneur der Stadt zeigte sich von weitem, hoch zu Roß und von einer großen Suite umgeben, auf dem Berge Moriah; eine Prozession von Frauen, die klassisch geformte Vasen auf ihren Köpfen trugen und gerade die Wasser von Siloa aus dem Hiobsbrunnen geholt hatten, kam das Tal Josaphat herauf und ging auf das Stephanstor und die sich daran anschließende Calvarienstraße zu. Tancred trat aus dem Garten von Gethsemane heraus, auf seinem Gesicht lag noch der verzückte und erregte Ausr hatte, kamen ihm wieder ins Gedächtnis zurück. Hätte er heute Nacht schlafen können, ohne Bethanien gesehen zu haben? Er steigt den Pfad hinan. Welch eine Landschaft um ihn herum! Aber braucht die Natur dort schön zu sein, wo es kein Fleckchen Erde gibt, das nicht an Helden und Heilige erinnert, keine Felsenhöhle, die nicht das Obdach eines Propheten gewesen, kein Tal, das nicht das Tal der gesalbten Könige des Herrn war, kein Berg, der nicht der Berg Gottes gewesen wäre r Vor ihm liegt die wirkliche, die noch immer lebendige und atmende Stadt, die ci:ist die assyrischen Herrseher "belagert hatten, gegen die Max Westfeld Der Vater des Künstlers. Düsseldorf. *) Hei Georg Müller in München erschien soeben die l Übersetzung des Romans Tancred" von Benjamin Disraeli, der im Laufe seiner Karriere Lord Beaconsfield.