Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1914)
- Date
- 1914-05-01
- Page
- None (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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3 XJSVWßST. ILLUSTRIERTE MONATSSCHRIFT^/ FÜR DAS GESAMTE JUDENTUM. Herausgegeben und redigiert LEO WINZ. Alle Rechte vorbehalten. Heft 5. Mai 1914. XIV. Jahrg. DIE ALTORIENTALISCHE GEISTESKULTUR. Von Rabbiner Dr. P e r 1 e s - Königsberg i. Pr. Wenn wir heute von einer europäischen oder gar europäisch-amerikanischen Kultur im Gegensatz /u den rein nationalen Kulturen früherer Zeiten sprechen, so meinen wir gewöhnlich, dieselbe sei eine Errungenschaft des letzten Jahrhunderts, das mit seinen neuen Verkehrsmitteln erst einen wirklichen Austausch aller Kulturgüter unter den verschiedenen Völkern möglich gemacht habe. Es ist das aber einer der größten geschichtlichen Irrtümer. Denn schon im grauen Altertum, zu einer Zeit, aus der wir bis vor kurzem kaum eine sagenhafte Kunde hatten, finden wir in ganz Vorderasien, Aegypten und Südosteuropa eine Kultur verbreitet, die sich auf gemeinsamer Grundlage aufbaute und einerseits bis Ostasien, andererseits bis nach Amerika auf geradezu wunderbaren Wegen weiterwanderte. Der U r s p r u n g dieser ältesten Weltkultur ist vorläufig noch in undurchdringliches Dunkel gehüllt. Doch steht so viel fest, daß die Erfindung der Keilschrift, die zugleich das denkwürdigste Zeugnis und das wirksamste Verbreitungsmittel dieser Kultur war, den Sumerern zu verdanken ist, die wir am Anfang des vierten vorchristlichen Jahrtausends im Euphratlande antreffen. Von ihnen übernahmen die nicht lange nach ihnen in das gleiche Gebiet eingedrungenen B a b y 1 o n i e r sowohl die Schrift, die sie ihrer eigenen (semitischen) Sprache anpaßten, als auch die Kultur, die sie in jahrtausendelanger Arbeit nach allen Richtungen erweiterten und vertieften, und die dann von ihnen aus nach allen Ländern ausstrahlte, so daß allmählich babylonische Kultur gleichbedeutend wurde mit Weltkultur. Eür den Nichfachmann war es bis heute schwer, ja fast unmöglich, sich ein objektives Bild von dieser Kultur zu machen. Denn der Babel- Bibel-Streit hat zwar das Interesse der Gebildeten auf den Gegenstand gelenkt, doch die tendenziöse Ausbeutung der von der Wissenschaft gewonnenen neuen Erkenntnisse hat die Aufmerksamkeit von den Hauptfragen abgelenkt. Wohl erschienen auch vereinzelt sachliche Auseinandersetzungen über die gesicherten Resultate der Forschung, dieselben vermochten aber nicht, sich Beachtung und Gehör zu verschaffen unter dem Wust der polemischen und apologetischen Schriften, die noch dazu in vielen hallen von durchaus unberufener Seite über das Verhältnis des Judentums zur babylonischen Kultur und Religion erschienen waren. Desto höher ist das Verdienst von Alfred Jeremias anzuschlagen, der einer der gründlichsten Kenner des alten Orients ist und seine zahlreichen Veröffentlichungen über Kultur und Religion der Babylonier und ihre Beziehungen zum Alten und Neuen Testament soeben durch ein großes, rein darstellendes „Handbuch der altorientalischen Geisteskultur"*) gekrönt hat. Im Vorwort spricht sich Jeremias über die Schwierigkeiten aus, die dem Durchdringen der richtigen Erkenntnisse auf dem vorliegenden Gebiete sich entgegengestellt haben, uni gedenkt des Forschers, der als der eigentliche „Wiederentdecker der altorientalischen Geisteswelt" zu gelten hat und am 19. April 1913 vor der Zeit abtgerufen wurde: Hugo Win ekler. Im Werke selbst zeichnet er durchaus auf Grund der Originalurkunden und Denkmäler, von denen ein Teil in 215 Abbildungen wiedergegeben ist, ein überaus anschauliches, auch für den Laien verständliches Bild von den Grundzügen der altorientalischen Geisteskultur. Dieselbe muß nach Umfang und Inhalt als eine vollkommene Weltanschauung anerkannt werden, insofern, als sie die ganze sichtbare Welt einheitlich zu erklären und den Zusammenhang zwischen den Erscheinungen der Natur und des Menschenlebens auf wissenschaftlichem Wege festzustellen versucht. Die Wissenschaft, der diese große Aufgabe zufällt, ist die Astronomie, die als Grundlage nicht nur aller Naturwissenschaft, sondern auch aller Philosophie, Theologie und Anthropologie gilt. In einer Reihe von Leitsätzen (S. 8 ff.) zeigt der Verfasser die konsequente Durchführung des Grundgedankens, wonach alle Erscheinungen des Kosmos und des Kreislaufs Stoffwerdung der Gottheit sind. Alles irdische Sein und Geschehen entspricht einein liimm- 3) XVI n. 366 Seiten. 10 M., geb. 11,20 M. Leipzig (J. C. HinrichsO 1914