Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 4 (April 1914)
- Article
- Die Mutter
- Date
- 1914-04-01
- Page
- Seite 299 - 300 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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299 Jakob Loewenberg: Die Mutter. 300 Und eines Nachmittags — die Sonne guckte noch eben durch das Fenster —. steht sie von ihrem Sessel auf und stellt sich ganz sacht hinter mich, der ich am Tisch in einem Buch lese. Und sie guckt mir wie früher einen Augenblick über die Schulter und legt mir die Hand auf den Kopf: „Kind, mir ist so eigen, ich glaub, ich werd wieder gesund. Komm, gib mir die Tefillah, ich kann noch Minchah oren, es ist noch Zeit/' „Aber du kannst nicht stehen, Mutter/4 „Ich kann's. Du siehst ja." Und sie hält sich mit der einen Hand an einem Stuhl und fängt an halblaut zu beten, und wie sie mitten in der Schemauneh-Esreh ist, wird sie unruhig und blättert und blättert und sagt leise, wie vor sich hin: „Die Jom-Kippur Schemauneh-Esreh — die Widde" und sucht und wankt. Ich rücke ihr schnell den Sessel hin, sie sinkt hinein und, greift nach meinen Händen: „Da ist das Schiff, kuck, mein Jung, kuck, der Vater fährt auch mit übers Wasser, übers große, große Meer — Schema Jisroel!"--Und isttot. PESSACH - LEGENDEN. Mitgeteilt von In einer Stadt war einmal ein hochgelehrter Mann aus vornehmem Stamme und sehr reich. Er führte ein frommes Leben, gab reichlich Almosen an die Armen, lernte ständig Thora und übte alle Gebote streng nach den Vorschriften mit allen Kawwanoth, wie nur einer, der in die tiefsten Geheimnisse der Lehre eingedrungen ist. Er mischte sich nicht unter den gemeinen Haufen, sondern schloß sich ab und saß Tag und Nacht in einem mit Büchern angefüllten Zimmer seines schönen Hauses und widmete sich der Lehre und dem Gottesdienst. Einmal an einem Pessach hielt der reiche und gelehrte Mann in dem größten Gemach seines schönen Hauses einen Seder ab. Du kannst dir denken, wie prunkvoll es dabei herging und wie streng alle Vorschriften bis aufs Haar dabei beobachtet wurden. Der Tisch war mit dem herrlichsten Linnen gedeckt und mit kostbaren silbernen und goldenen Geräten geziert. In kristallenen Flaschen und Bechern funkelte der Wein in allen Farben, und der Wein war von den frömmsten Männern von der ersten Minute seines Wachsens auf das sorgsamste behütet. Rings um den Tisch saßen viele Arme und fremde Wanderer, die der Hausherr eingeladen hatte, ganz wie die Vorschrift gebietet: „Jeder, der da hungrig ist, komm, speise mit uns, jeder, der dürftig ist, komm, feiere Pessach mit uns." Der Hausherr saß angelehnt auf seinem mit seidenen Kissen gepolsterten Sessel an der Spitze der Tafel, angetan mit einem mit Goldstickerei verbrämten Kittel, umgürtet mit einem silbernen Gürtel, und vor ihm stand die goldene Sederschüssel, auf der mit peinlichster Genauigkeit streng nach den Vorschriften Mazzoth, Kräuter und alles andere schön geordnet dalag. Die Haggada wurde schön und laut gesungen, und der Hausherr holte aus jedem Worte die verborgensten Geheimnisse heraus und mit jeder Zeremonie verband er den tiefsten Sinn, den die Weisen und Frommen der Vorzeit ihr untergelegt hatten. Er blickte über die Tafel hin, und als er sah, daß so viele arme Leute und Fremde an seinem Tisch sich gütlich taten und daß er alle Mizwoth so mit strenger Genauigkeit nach ihrem tiefsten Sinn erfüllte, dankte er Gott und freute Bar-Ami. sich im Herzen und dachte bei sich: wenn der Prophet Eliah heute in unsichtbarer Gestalt in jedes Haus kommt, wo der Seder abgehalten wird und aus dem für ihn bereitstehenden Pokal trinkt, so wird er gewiß bei mir zuerst eintreten. Gibt es in der ganzen Gegend weit und breit ein zweites Haus, in dem die Gebote Gottes an diesem Abend so streng und genau, mit soviel Weihe und Andacht erfüllt worden sind? — Nach dem Seder entließ er die Gäste, sein Hausgesinde ging zu Bett, nur der Hausherr allein wollte die ganze Nacht wach bleiben, wie die Strengfrommen zu tun pflegen, um Schir Haschirim zu singen und im heiligen Sohar alle die Erzählungen vom Auszug unserer Väter aus Aegvpten zu lesen. Auf einmal übermannte ihn die Schläfrigkeit und er nickte ein. Im Traume kam Eliah, der Prophet, zu ihm und sprach: „Du irrtest dich, als du meintest, ich hätte heute abends dein Haus zuerst besucht. Bei dir bin ich seit Jahren überhaupt nicht gewesen. Mein erster Besuch aber galt heute abend Chajjim, dem Fuhrmann." Der vornehme Mann erwachte sehr erschrocken und zu Tode betrübt. Er dachte: Gott weiß, was für schwere Sünden ich begangen habe, wenn Eliah, der Prophet, seit Jahren z\im Sederabend nicht zu mir kommt. Wer aber mag jener Fuhrmann sein, den er zuerst mit seinem Besuche beehrt? — Es litt ihn nicht mehr im Hause, er legte den schönen goldgestickten Kittel ab und ging hinaus, um Chajjim, den Fuhrmann, aufzusuchen. Die ganze Nacht irrte er umher. Erst als es Tag wurde, fand er die zerfallene Hütte weit draußen in einem Gäßchen, wo die ärmsten Leute wohnten. Chajjim, der Fuhrmann, war nicht wenig erstaunt und verwirrt, als der reichste und vornehmste Mann der Stadt in seine ärmliche Stube eintrat und ihn auszufragen begann, was er am vorigen Abend getrieben hätte. — „Nu, das was alle Jüden am Pessachabend machen," antwortete Chajjim, „den Seder habe ich abgehalten." „Aber wie habt Ihr das getan? Habt Ihr alle Dinim und Minhagim genau beobachtet? Und die Kawwanoth dabei im Sinne behalten? Und haben arme Leute und fremde Gäste an eurem Tisch gespeist?" (Fortsetzung Seite 323/324.)