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Ost und West · 1914-04-01 · Heft 4 (April 1914) · p. None

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 4 (April 1914)
Date
1914-04-01
Page
None (sequence 1)
Language
German
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Herausgegeben und redigiert vcn LEO WINZ. Alle Rechte vorbehalten. Heft 4. April 1914. XIV. Jalirg. EINE EHRENRETTUNG DES PHARISAEISCHEN JUDENTUMS. Von B. S a p h r a. Kein Volk der Welt hat so zwingende Gründe, den sogenannten historisch feststehenden Wahrheiten mit tiefster Skepsis gegenüberzustehen, wie wir Juden. Mehr als vierhundert Jahre lang galt es in einem sehr großen Teil von Europa als feststehende, durch unzählige Beweise erhärtete Tatsache, daß wir geweihte Hostien marterten und schändeten, um ihnen Blut abzuzapfen, und auf diese Weise Jesum Christum immer von Neuem zu peinigen und mit Schmach zu überhäufen. Seit acht- oder neunhundert Jahren galt (und gilt es heute noch) als feststehende Tatsache, daß wir Kinder oder junge Menschen abschlachten, um ihr Blut zu allerlei zauberhaften Ritualien zu verwenden. Und seit nahezu 2000 Jahren gilt es als feststehende historische Tatsache, daß die Pharisäer habsüchtige, gewalttätige, herzlose Menschen, und vor allem — Heuchler waren. Kein Erstaunen ist demjenigen gleich, das ein am Talmud erzogener Jude empfindet, wenn er mit der „europäischen" Wissenschaft bekannt wird und merkt, daß hier die Männer der Großen Versammlung und die Tannaiten, also die Peruschim, als die Urbilder der Heuchler gelten, ja, daß fast in allen europäischen Sprachen Pharisäer und Pharisäertum zu Synonymen der Heuchler und der Heuchelei geworden sind. Einem solchen Juden sind die Gestalten jener seiner Vorfahren, von Simeon dem Gerechten bis herab zu Hillel und Schammaj, zu Jochanan ben Zakkai, Gamaliel, Rabbi Akiba und Rabbi Tarphon und wie sie sonst alle heißen — ihr Seelenleben, ihre Gesinnungen und Handlungen, ihr Leiden und Sterben, alles ist ihm so vertraut, als wären sie unsere Zeitgenossen und wandelten heute unter uns. Und nun sollen alle diese makellos Reinen und Heiligen gar Heuchler gewesen sein? So will es der consensus omnium, die opinio communis, aber nicht des gemeinen Haufens, sondern der Elite der Gebildeten, der Forscher und Denker. Allgemach sinkt der Respekt vor der hohen Wissenschaft, vor der Majestät der objektiven Geschichtsforschung auf den Nullpunkt. Indessen ist das ungerecht. Die Wissenschaft hat bei allen Schwächen und Gebrechen, die der Forschung, wie allem Menschlichem, anhaften, jedenfalls das Gute, daß sie sich selber korrigiert. Die, welche Wissenschaft treiben, stehen unter ihrem Bann und werden, vielleicht wider Willen, gedrängt, die Wahrheit zu erkennen und ihr die Ehre zu geben. Am Ende verdankt man es der Wissenschaft, daß heute keine Juden mehr wegen Hostienschändung lebendig verbrannt werden. Und wenn wir es soeben erlebt haben, daß ein ,,unentwegter" Judenfeind wie Schulgin als Bekämpfer der Ritualmordlüge auftrat und darob Verfolgung und Strafe auf sich lud, so verdanken wir das nur der unermüdlichen Aufklärungsarbeit, die die Wissenschaft seit einem Vierteljahrhundert geleistet hat. Vielleicht hat auch schon für die an dritter Stelle erwähnte Geschichtslüge das Stündchen geschlagen, und die christliche Welt wird ihr Urteil über die Pharisäer revidieren. Ein christlicher Forscher hat es unternommen, ein zweitausendjähriges Unrecht gutzumachen. Es ist dies Mr. R. Travers Herford, dessen Buch „Das pharisäische Judentum in seinen Wegen und Zielen dargestellt" *) jetzt in einer sehr schönen, 1) Leipzig, Verlag von Gustav Engel, 1913.

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