Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 3 (März 1914)
- Article
- Der Glasschrank
- Date
- 1914-03-01
- Page
- Seite 225 - 226 (sequence 1)
- Language
- German
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225 Marie Riesenfeld: Der Glasschrank. 226 DER GLASSCHRANK. Skizze von Marie Riesenfeld. Ein armes Menschenkind war zwischen die wuchtigen Mahlsteine des Lebens geraten. Arg gestoßen und geworfen, weh und wund gerieben, erhob es doch die Schwingen seiner Seele zu den göttlichen Strahlen der heiligen Lehre. Das Menschenkind war Frau, war Mutter, aber über seine großen, reinen Herzensgluten gingen oft die Wellen lastender Sorge und fressender Not. Und als die trüben irdischen Fluten über die arme Seele zusammenzuschlagen drohten, da löste sich aus bleichen, wallenden Dezembernebeln der große Befreier und schritt auf sie zu. Lächelnd hielt er ihr die grauen, steinernen Ewigkeitsschalen hin, und hinein rann ihr erdentiefes Weh und ihre starke heilige Liebe. Auch ihr Herz rann in klingenden Tropfen hinein, und als es verronnen war, da nahm er sie an die Hand und schritt mit ihr durch die weißen silbrigen Nebel, die sich zitternd teilten, in das schweigende, lichtumflosseue Jenseitsland. Der leuchtende Stern der Religion ging ihnen voran und wies ihnen den Weg. — — —• Unten aber, nachdem man den Körper, die Heimat der armen Seele, zur Ruhe gebettet hatte, erfüllte ihr Leben alle Räume, in denen sie gewaltet. Ein herzenseinsamer, kranker Mann versank in schwermütiges Sinnen um die großen Ewigkeitsrätsel, und Kinder schritten rückschauend mit wundergläubigen Stirnen und ließen die Zeit ohne Grenzen aus ihren jungen Händen gleiten. Das Leben und die Wirklichkeit löste sich wie etwas Wesenloses von ihnen ab. Dunkle Traumstimmen riefen das leise, traurige Lachen der Mutter, den Klang ihrer Stimme, das Gleiten ihrer Füße wach. — Draußen irrte ein unruhiger Wind um das Haus, der trieb schwere graue Schneewolken über den kleinen Himmelsausschnitt, der zu ihren Fenstern hereinsah, und löschte alles Licht und allen Glanz aus. — In diese Licht- und Freudlosigkeit schmiegte sich das Zimmer mit seinem Halbdunkel ein. Um die Ecke, in welcher das Sterbelämpchen stand, zitterten kleine Schatten. Dort saßen sie alle, auf niedrigen Fußbänkchen, in Strümpfen, und wie nestmüde Vögel flatterten ihre Gedanken immer um das gleiche Ziel. Brach dann der frühe Abend herein und ertränkte alle Formen und Farben in seinem Dunkel, dann strahlte warmer Kerzlenschein auf und floß um die Beter, die sich zium Minjan einfanden. Und der Kerzenschein lag auf dem gebeugten Manne und seinem jungen Sohn, der das Kaddischgebet sagte, und er flammte in den wundersuchenden Augen der Schwestern auf, denen es schien, als müßten die flutenden Lichtwellen eine geliebte Seele aus dämmerfernen Welten herbeilocken. Und nachts stellten sie im Kinderaberglauben neben das Sterbelämpchen ein Gefäß mit Wasser und legten das Handtuch dazu, um mit heißen, troceknen Augen auf das Wunder zu warten, um das Flügelrauschen der Ewigkeit zu spüren.-- Am letzten der Schiwohtage, da kam, nachdem die Beter das Sterbehaus verlassen, ein Mann herein, und mit ihm schritt etwas Fremdes, Feindseliges über die Schwelle. Das war das Leben selbst, das unbeirrt von Seelenschmerzen und Losgelöstsein seinen Weg geht, das Leben, dem sie einige iraumversonnene Tage lang nicht in die harten Augen gesehen. Und wie der Tod aus ihrer Familienkette das schönste Schmuckstück, die Mutter, herausgenommen, so legte jetzt das Leben — der fremde Mann — seine Hand auf das, was an irdischer Habe ihre Zierde und ihr Stolz war. Als er ging, gehörte der Glasschrank, der toten Mutter liebes Eigentum, nicht mehr ihnen, das Siegel, das er daran befestigte, erzählte davon. — Noch mehr sank die Gestalt des Vaters in sich zusammen, in seinen dunkelbuschigen Brauen, in denen bis jetzt nur tiefe Trauer nistete, saß ein großer fremder Schmerz, und in dem Mühen, des Vaters stillen Kummer nicht durch ihr eigenes Weh zu vergrößern, schwiegen auch die Kinder. Nur daß ihre Herzen leise zueinander hinhorchten und daß die Fürsorge umeinander wie zärtlich streichelnde Mutterhände wurde, die da sagten: „Ich weiß deine Not und trage sie mit." An den Toren dieses Tages stand eine Nacht, die im weißen Märchengewande, übersät von funkelndem, sprühendem Geschmeide, einherschritt. Die alten, grauen Häuser, die im Dunkeln eng zusammenrücken und sich aneinander schmiegen wie Kinder, die sich die Hände reichen und die sich von allem, was in ihnen lebt, nachts zu erzählen scheinen, blickten einander verwundert ob ihrer lichten Schöne an. Weißer, dichter Schnee lag auf ihnen, darüber hatte ein prächtig klarer Frost seine leuchtenden Schätze gebreitet; in keines Königs Schatzkammer konnte es wohl in reinerem Feuer erglühende Brillanten, tiefgrünere Smaragde oder blutrotere Rubinen geben. Und oben flimmerten die Sterne kalt auf ihren ewigen Bahnen, und groß und weiß hing der Mond im Raum. Sein Licht lag auch dort auf den unverhüllten Fenstern, auf die der frostige Atem der Nacht phantastische Blumengebilde hingehaucht hatte, und durch die Fenster glitt es und umfloß liebkosend den alten Glasschrank, um den im dunklen Weh die Kinder saßen. Zwischen ihnen und dem Schrank wob das Mondlichtsilber seine Träume, gingen tausend Erinnerungen hin und her — und kündeten die alten süß-traurigen Geschichten, die der Mutter verstummter Mund so oft im Dämmer erzählte Da steigen sie auf aus dem blassen, grünumsponnenen Vergangenheitssee — die alten Zeiten. Und zie zeigen wieder das freundliche, liebe Haus, um das die Linden ihre Schatten breiteten. Lerchentriller schwingen sich auf zum Himmelsblau, verträumt und weich geht der Duft der blühenden Linden durch den Dorffrieden und rührt wundersam an ein junges Herz. Hinter den Fenstern des lindenumstandenen Hauses träumt ein Mädchen den alten Liebestraum. Vor ihm steht ein Glasschrank, den haben sorgliche Elternhände für seinen künftigen jungen Hausstand fertigen lassen, und die Braut legt um ihn die buntfarbigen Blütenkränze ihrer Hoffnungen und Wünsche.' Manch liebes Stücklein aus der Eltern Besitz ist in den Schrank gewandert, das in ihre Empfindungstiefen vertraut hineintaucht. Um die feinen Porzellanfigürchen, die hier stehen, die anmutige kleine Tänzerin, die Fischerin im kurzen Röckchen mit Mieder und Brusttuch, die mit ihrem Körbchen Fische in der Hand sehnsüchtig nach ihrem Fischer auszublicken scheint, um die Schäfer und Schäferinnen mit den bunten, blumenumwundenen Hirtenstäbchen ging schon das Verlangen ihres Kinderherzens. Dort, das weiße Körbchen mit den eingeflochtenen grünen Kleeblättern (Fortsetzung Seite 245.)