Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 3 (März 1914)
- Article
- Zur Geschichte des Chief-Rabbinats in England
- Date
- 1914-03-01
- Page
- Seite 223 - 224 (sequence 3)
- Language
- German
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223 Dr. S. M. Melamed: Zur Geschichte des Chief-Rabbinats in England. 224 sich aber auch durch Gründungen, großangelegter Institutionen aus, die erst eine Gemeinschaft von Synagogenbesuchern zu einer wirklichen jüdischen Gemeinde machten. Im Jahre 1794 vereinigten sich die verschiedenen aschkenasischen Synagogen zum Zwecke einer Zentralisierung des Armendienstes. Aber die Vorverhandlungen und Anregungen zu dieser Vereinigung datierten schon vom Jahre 1792, als Rabbi Tewele noch am Leben war. Infolge der schlechten finanziellen Lage der Gemeinde mußte der, nach dem im Jahre 1792 erfolgten Tode des Rabbi Tewele frei gewordene Posten, mehrere Jahre unbesetzt bleiben. Als Rabbi Salomon Herschell im Jahre 1804 zum Rabbiner der Londoner jüdischen Gemeinde ernannt wurde, war die Londoner Judenheit bereits auf 20 000 Seelen angewachsen. Die Zeit hatte alte Wunden geheilt und die einst herrschende Zwietracht in der Gemeinde war bei der Ankunft des neuen Oberrabbiners fast ganz verschwunden. Jetzt konnte an eine wirkliche Zentralisierung der Gemeinde geschritten wrerden. Bald nach der Berufung des Rabbi Herschell wurde das Schechita Board ins Leben gerufen, das noch heute die Grundlage der zentralistischen Organisation der Londoner Judenheit ist, da alle Londoner Juden, ob sie zur United Synagogue gehören oder nicht, von derselben Schechita ihr Fleisch beziehen müssen, weil keine andere Schecnita-Organisation aufkommen kann. Während der Amtstätigkeit des Rabbi Herschell wurde ein Pakt zwischen den drei bestehenden Synagogen abgeschlossen und eine mehr oder weniger einheitliche Verwaltung hergestellt. Die ersten zwTei Jahrzehnte des XIX. Jahrhunderts sahen viele Gemeindeinstitutionen aufblühen, darunter die Jewish Free School, die heute von dreitausend jüdischen Kindern besucht ward, und aus der Männer wie Israel Zangwill, Lucien Wolff und andere literarische Berühmtheiten hervorgegangen sind. Während sich die große Gemeinde politisch und sozial immer mehr und mehr konsolidierte, brach über die Londoner Judenheit ein Geist der religiösen Unruhe herein, der im Jahre 1842 zu einer religiösen Spaltung und zur Gründung der Reformgemeinde führte. Die schon damals anglisierten Sephardim glaubten den traditionellen Ritus nicht mehr aufrecht erhalten zu sollen und forderten gebieterisch die Einführung von Reformen. Da aber ihre Forderungen zu weitgehend und vom Geiste der deutschen Reformbewegung getragen waren, konnte sich Rabbi Herschell zu einem Nachgeben nicht verstehen. Sir Moses Montefiore, der zuerst mit der Bewegung sympathisierte, trat sofort auf die Seite der Orthodoxen, als ihm die radikale Natur der einzuführenden Reformen klar wurde. Achtzehn Sephardim und sechs Aschkenasim taten sich in der Folge zusammen und gründeten die noch heute bestehende Reformgemeinde, die eine separate Verwaltung und besondere Privilegien standesamtlicher Natur hat. Die Reformgemeinde wurde natürlich sofort mit dem Cherem bedacht und als außerhalb der Gemeinschaft Israels stehend erklärt. Der Cherem wurde auch später nicht aufgehoben, obgleich er praktisch seine Rigorosität und Gültigkeit verlor. Die Reformer sind bis auf den heutigen Tag eine kleine, unansehnliche und einflußlose Gemeinde geblieben, denn die zweite Hälfte des XIX. Jahrhunderts sah die Reaktion im religiösen Leben der Engländer kommen, die auch auf die religiöse Stimmung der Juden nicht ohne Einfluß geblieben war. Zudem verbieten sich die Engländer ganz energisch Reformen in der Synagoge, insbesondere wenn sie radikaler Natur sind. Als Claude Montefiore vor einigen Jahren seine „Synoptic Gospels" veröffentlicht hatte, waren es die christlichen Blätter, die über ihn hergefallen sind . . . Der englische Biblicismus ist noch heute stark genug, um keine pseudo-jüdische Religion in England aufkommen zu lassen. Zudem gewährt, die United Synagogue Selbst soviel religiöse Bewegungsfreiheit, daß schon aus diesem Grunde allein keine Reformgemein de aufkommen kann. Es steht zum Beispiel den der United Synagogue angegliederten Synagogen gemeinden frei, einen gemischten Chor einzuführen, unwesentlichere Gebete zu streichen oder nicht zu rezitieren und dergleichen Freiheiten mehr. Dank diesem liberalen Geist ist es den Männern der United Synagogue gelungen, den konservativen Gcsamtcharakter der Gemeinde zu wahren. Als Dr. Nathan Adler im Jahre 1844. zwei Jahre nach dem Tode des Rabbi Herschell. von Hannover nach London an Stelle des vorgeschlagenen Samson Raphael Hirsch berufen wurde, fand er schon eine festgefügte Gemeindeorganisation mit großen aufblühenden Institutionen vor. Es war eine göttliche Fügung, daß Adler und nicht, Hirsch an die Spitze der in der Entwicklung begriffenen Gemeinde berufen wurde, denn während Adler dank seinem konzilianten Weseralle Elemente der Gemeinde zusammenzuhalten wußte, würde der orthodoxe und rücksichtslose Radikalismus des allerdings viel bedeutenden: Samson Raphael Hirsch das Gegenteil bewirkt haben. Der ältere Adler, selbst der Sproß eines all en und angesehenen Rabbinergeschlechts, paßte sich bald den neuen Verhältnissen an und leitete insofern eine neue Aera in der Geschichte des Chief-Rabbinates ein, als er einen neuen Typus von Geistlichen heranbildete, der noch heute dem englischen Judentum sein Siegel aufdrückt. (Sellin« folg*.