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Ost und West · 1914-03-01 · Heft 3 (März 1914) · p. Seite 219 - 220

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Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 3 (März 1914)
Article
Zur Geschichte des Chief-Rabbinats in England
Date
1914-03-01
Page
Seite 219 - 220 (sequence 1)
Language
German
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219 Dr. S. M. Melamed: Zur Geschichte des Chief-Rabbinats in England. 220 ZUR GESCHICHTE DES CHIEF-RABBINATS IN ENGLAND. Von Dr. S.M. Melamed, London. II. Ueber den eigentlichen Ursprung der aschkenasisehen Gemeinde in London ist ein chaotischer Dunstkreis gelagert, den zu durchleuchten den Historikern schwerlich gelingen dürfte. Wir wissen nicht genau, wann und unter welchen Umständen die Aschkenasim nach der teilweisen Aufhebung der antijüdischen Verordnung durch die Regierung des Commonwealth nach England gekommen sind. Sicher ist nur so viel, daß die asehkenasische Immigration nach England bald nach den Verwüstungen und Plünderungen Chmelnitzkis begonnen hat. Im letzten Drittel kies XVII. Jahrhunderts wurde die erste asehkenasische Religionsgesellschaft in London gegründet. Eine kleine asehkenasische „Chewra" hat schon im Jahre 1659 bestanden. Die wenigen auf uns gekommenen Ueberlieferungen und Nachrichten von dem Leben jener ersten asehkenasischen Immigranten besagen nur soviel, daß sie sehr arm waren und ohne öffentliche jüdische Wohltätigkeit gar nicht leben konnten. Allerdings gab es auch unter den Sephardim viele Arme. Von den 400 Juden in London gegen Ende des XVII. Jahrhunderts waren nicht weniger als 200 auf öffentliche jüdische Wohltätigkeit angewiesen. Das kam daher, weil die meisten Immigranten sephardischen, wie asehkenasischen Ursprungs in der City keinen Handel treiben durften, während das ganze Londoner Handelsleben doch auf die City konzentriert war. Das Verhältnis der Sephardim zu den Aschkenasim war das denkbar schlechteste und den Sephardim war es sogar unterlagt, sich mit den Aschkenasim zu verschwägern. Nur einem angesehenen Aschkenasi, dem Hamburger Kaufmann Benjamin Levy war es gelungen, sich die Mitgliedschaft der sephardischen C4emeinde zu erwerben; Benjamin Lcv}~ war ein Mann von weitem Blick und ein begeisterter Jude. Als er die Zahl der Aschkenasim in London wachsen sah, verließ er die sephardische Gemeinde und ging im Verein mit feinigen andern Hamburger Kaufleuten an die Gründung einer besonderen asehkenasischen Gemeinde, die bald ihre eigene Synagoge -erbaute und einen Hamburger Talmudisten, Rabbi Jehuda ben Ephraim Cohen, zum geistlichen Oberhaupte der Gemeinde berief. Da die Gründer dieser Gemeinde zum größten Teil Hamburger waren, wurde auch die Konstitution der Hamburger asehkenasischen Gemeinde als Modell für die Verfassung der Londoner Schwestergemeinde genommen. Bald sollten aber die Führer der jungen Gemeinde erkennen, daß die Londoner Verhältnisse eine andere Verfassung erheischten. Die Konstitution wurde auch bald abgeändert und dem geistlichen Oberhaupte größere Machtbefugnisse verliehen, als sie der Rabbiner der Hamburger Gemeinde besaß. Rabbi Jehuda ben Ephraim Cohen war nicht nur das religiöse, sondern auch das politische und soziale Oberhaupt der jungen Gemeinde. Eine ausgeprägte Persönlichkeit und eine ausgesprochene Herrschernatur, konnte er nicht lange auf dem etwas exponierten Posten bleiben. Die an Disziplin nicht gewöhnten Mitglieder rebellierten gegen ihr Oberhaupt, und Rabbi Cohen demissionierte schon nach kurzer Zeit und nahm Jen Posten eines Rabbiners der Rotterdamer Gemeinde an. Zu seinem Nachfolger wurde Rabbi Aaron Hart (Reb Uri Pheiwusch) ernannt. Rabbi Hart, der erste Rabbiner der neu errichteten Synagoge in Board Court, Mitre Square, kam von Breslau nach London. Er war 1670 in Breslau geboren, studierte in verschiedenen Jesehiboth in Polen und wurde der Schwiegersohn des seiner Zeit berühmten Fürther Rabbiners, Rabbi Samuel ben Pheiwusch. Hart verdankte seine Ernennung gewissen Einflüssen seines Bruders, Moses Hart in London, der auch an der Spitze der Revolte gegen den demissionierten Rabbi Cohen stand. Obgleich ein bedeutender Talmudist und scharfsinniger Gesetzesausleger, hat er sich als Oberhaupt der jungen und noch wenig festgefügten Gemeinde nicht bewährt; denn seine Autorität wurde oft angefochten und selbst seine rein religiösen Entscheidungen wurden nicht ohne weiteres hingenommen. Selbst Androhungen mit dem Cherem haben nicht vermocht, die rabbinische Autorität des Rabbi Hart zu heben. Die Partei, die ihn berufen hatte, stand an der Spitze der Gemeindeverwaltung und ließ die andere Partei, die zu dem verjagten Rabbi Cohen hielt, nicht aufkommen. Als ein Anführer der gegnerischen aber keineswegs schwachen Partei wegen seiner Kritik an einem von Rabbi Hart ausgestellten Get in den Cherem getan wurde, schritt er zu der Gründung einer Sondergemeinde. Die Sondergemeinde hatte bereits ihren eigenen Rabbiner bestellt und war schon daran, eine eigene Synagoge zu errichten, als die Behörden der City auf Grund einer gemeinsamen Petition der sephardischen und der offiziellen asehkenasischen Gemeinde die Errichtung einer neuen Synagoge untersagten. Der Gründer der Sondergemeinde, Marcus Moses, war von seiner Idee nicht abzubringen, und da er keine Synagoge erbauen durfte, machte er aus einem eigenen Hause eine Art Synagoge. Sowohl der Gottesdienst wie die Gemeindebureaus waren nicht weniger als 22 Jahre in seinem Hause untergebracht. Als er nach 22 Jahren, nach einer Rückkehr von Indien, wo er ein großes Vermögen erworben, wieder an den Bau einer Synagoge für die von ihm gegründete Gemeinde gehen wollte, wurde ihm die Ausführung seines Planes behördlich abermals untersagt, denn die Sephardim und die Vertreter der offiziellen asehkenasischen Gemeinde waren wieder bei den Aldermen der City, wie vor 22 Jahren, vorstellig

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